Karl Dönitz
Hitlers Nachfolger – Ein treuer Soldat
Im Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen U-Boote durch ihr überraschendes Auftauchen und ihre gewaltige Zerstörungskraft weltweit berüchtigt. Sie waren der Stolz der deutschen Streitkräfte. Doch drei Viertel ihrer Besatzungen kehrten nicht zurück. Auf alliierter Seite gab es 30.000 Tote. Beide Seiten verloren ungeheuer viele Menschenleben. Die Operationen leitete ein fähiger Befehlshaber, der das Vertrauen des Führers gewann und schließlich Hitlers Nachfolger wurde: Karl Dönitz.
K. Tettelbach, damals deutscher Generalstabsoffizier: „Als Soldat blieb Dönitz seinem obersten Befehlshaber Hitler unbedingt treu. Er befolgte Hitlers Befehle, auch wenn sie ihm widerstrebten. So war er.“
(R. G. Buchheim, damals Kriegsberichterstatter) „Als sich der oberste Mann der Marine so eng mit den Ambitionen der Nationalsozialisten verband, war die Tragödie unausweichlich. Er trägt Verantwortung dafür, dass so viele Soldaten in den Tod getrieben wurden.“
O. Kretschmer, damals U-Boot-Kommandant: „Er war zu hundert Prozent Patriot. Das heißt, er betrachtete alle Bürger, sich selbst eingeschlossen, als Diener des Vaterlandes Deutschland.“
Pflichttreue: eigentlich eine soldatische Tugend, die Lob verdient. Doch genau dafür musste sich Dönitz nach dem Krieg vor Gericht verantworten.
〈Dönitz vor Gericht, November 1945: „Ich schwöre bei Gott, die reine Wahrheit zu sagen und nichts zu verschweigen.“ „Ich halte die Fortführung des Krieges für die richtige Entscheidung. Ich handelte nach meinem Gewissen. Ich würde wieder genauso handeln.“〉
Kindheit und Jugend
Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts. Viele Bürger beseelte ein patriotischer Geist der Verehrung für Vaterland und Kaiser. In dieses Umfeld wurde Karl Dönitz 1891 geboren. Seine Mutter starb früh; ihn und seinen Bruder erzog der Vater, ein Ingenieur. In diesem Männerhaushalt hatte die Befolgung von Regeln Vorrang vor dem Ausdruck von Zuneigung.
Karl war nicht besonders gesellig, hatte aber ausgezeichnete Schulnoten. Schon früh träumte er davon, Marineoffizier zu werden. 1910 trat er in die Marineschule im norddeutschen Flensburg ein. Der Offiziersanwärter Karl war voller Hoffnung. Doch zwei Jahre später starb sein Vater. Nachdem er beide Eltern verloren hatte, suchte der junge Mann nach innerem Halt. Etwa zu dieser Zeit wurde er Kapitänleutnant Loewenfeld unterstellt, den er fortan verehrte.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Dönitz ein tapferer, schneidiger Berufsoffizier geworden. Im Krieg begegnete er dem, was sein Leben bestimmen sollte: der neuartigen Waffe der Marine, dem U-Boot. 1918 wurde Dönitz U-Boot-Kommandant. Doch bald folgte die Niederlage. Während er in britischer Kriegsgefangenschaft war, brach in Deutschland die Revolution aus, und die Republik wurde ausgerufen.
1919 wurde er freigelassen und kehrte in seine weiterhin von Unruhen erschütterte Heimat zurück. Dönitz ging wieder zur deutschen Marine, deren Fortbestand nur knapp zugelassen worden war. Seine Umgebung hielt ihn für fleißig und klug. Doch in einer dienstlichen Beurteilung stand auch: „Starkes Geltungsbedürfnis.“
〈[Suche Arbeit] (Ein Arbeitssuchender mit einem Schild um den Hals)〉
Eine schwere Wirtschaftskrise. Zwar konnte Dönitz froh sein, überhaupt Arbeit zu haben, doch die Haushaltskasse war knapp. Er hatte früh geheiratet und inzwischen drei Kinder.
U. Hessler, Dönitz’ Tochter: „Nach dem Zwanzigsten eines jeden Monats gab es meist nur noch Brei oder Suppe. Wir hatten wohl wirklich wenig Geld. Allerdings konnte meine Mutter von jeher nicht besonders gut haushalten. Unsere Geldnot lag also nicht allein am Verdienst meines Vaters.“
U-Boot-Kommandeur unter dem Hitlerregime
Ein Mann nutzte die Angst der Bevölkerung, um seine Macht auszubauen. Adolf Hitler schürte die Sehnsucht nach einem starken Deutschland und gewann in kürzester Zeit große Wählermassen.
〈[Januar 1933: Das Hitlerregime entsteht]〉
Selbst das gewalttätige Auftreten der Nazis erschien den Menschen als Zeichen starker Führung.
‹(Hitlers Rede) „Mein Ziel ist es, dreißig politische Parteien aus Deutschland zu beseitigen.“›
Der starke Führer begann damit, seine Gegner auszuschalten. Die deutsche Marine unterwarf sich dem neuen Staatsoberhaupt bedingungslos. Wie viele Militärs begrüßte auch Dönitz diesen entschlossenen Machthaber. Hitlers Aufrüstungsprogramm reizte besonders seinen soldatischen Ehrgeiz.
〈[Film aus der frühen NS-Zeit, 1933] „Wir ziehen los. Unser Ziel ist England.“ „Das ist das Signal zum Ausrücken.“ „Die britischen Truppen.“ „Los geht’s.“〉
1936 wurde Dönitz ausgewählt, als Kapitän zur See die U-Boot-Flotte zu führen. Er entwickelte strategische Konzepte für den U-Boot-Krieg. Seine Begeisterung und sein tiefes Fachwissen fielen sogar Hitler auf.
H. von Schröter, damals U-Boot-Kommandant: „Wann immer man von Dönitz einen Bericht verlangte, hatte er am nächsten Morgen sämtliche Unterlagen bereit. Er äußerte sich klar zu Entwicklung und Ausbildung der U-Boote. Seine schnelle Lagebeurteilung und Entschlusskraft zeichneten ihn als Befehlshaber aus.“
Der damalige Oberbefehlshaber der Marine betrachtete große Schlachtschiffe und nicht U-Boote als Kern der Strategie. Mit Hitlers Zustimmung begann noch vor Kriegsbeginn die Planung gewaltiger Schlachtschiffe.
〈Schlachtschiff Bismarck〉
Dönitz zweifelte jedoch an dieser Bevorzugung der Schlachtschiffe. Der große Gegner der deutschen Marine war die Inselmacht Großbritannien mit ihrer gewaltigen Flotte. Ein Schlüssel zu ihrer Niederlage lag darin, ihre Seehandelswege abzuschneiden. Dönitz betonte die Vorteile von U-Booten hinsichtlich ihrer Beweglichkeit. Doch seine Vorschläge fanden noch kein Gehör.
‹[August 1936: Olympische Spiele in Berlin. Die Nationalsozialisten demonstrieren Deutschlands Prestige und Friedfertigkeit.]›
Hinter dem scheinbaren Frieden wüten Rassenvorurteile und Gewalt. Hitler hat den Zeitplan für den Weg in den Krieg bereits im Kopf.
Kriegsbeginn – Einsätze der U-Boote
〈[September 1939: Ausbruch des Zweiten Weltkriegs]〉
Ende der 1930er-Jahre war die deutsche Marine der britischen militärisch weit unterlegen. Die Nachricht vom Kriegsbeginn erschütterte Dönitz.
(H. R. Rösing, damals U-Boot-Kommandeur) „Er zog sich zunächst in sein Zimmer zurück und kam nach etwa einer halben Stunde wieder heraus. In dieser Zeit hatte er sich beruhigt und die Wirklichkeit verarbeitet, mit der er konfrontiert war. Das war ganz seine Art. Er sagte bestimmt: ‚Wir müssen es tun. Wie hoffnungslos die Lage auch sein mag, wir erfüllen unsere Pflicht.‘ Tatsächlich schien die deutsche Marine damals kaum eine Aussicht auf Erfolg zu haben.“
Dönitz verfügte nur über etwa 50 U-Boote. Er befahl Überraschungsangriffe auf den Feind. Das britische Passagierschiff Athenia wurde ohne Vorwarnung torpediert; 112 Menschen starben im Meer. Als die Nachricht um die Welt ging, prägte sich Dönitz den Menschen auf alliierter Seite als Inbegriff eines erbarmungslosen Befehlshabers ein.
Nur einen Monat später drang die U-Boot-Flotte tief in einen britischen Marinestützpunkt in Schottland ein und versenkte das vor Anker liegende Schlachtschiff Royal Oak. Berlin geriet kurz nach Kriegsbeginn über diesen spektakulären Erfolg in Begeisterung. Zusammen mit dem Kommandanten, der das feindliche Schiff versenkt hatte, kehrte Dönitz als Seeheld zurück. Außer Hitler selbst wurde niemand mit einer so großartigen Parade empfangen.
〈[Kapitänleutnant Prien] „Wir umgingen die feindliche Überwachung und drangen in den britischen Marinestützpunkt in Schottland ein. Sobald wir das feindliche Schiff entdeckten, feuerten wir Torpedos. Mit gewaltigem Getöse wurde es schwer getroffen, und wir waren überwältigt.“〉
L. Kennedy, damals britischer Marineoffizier: „Karl Dönitz wurde in Großbritannien zu einem Namen, den praktisch jeder kannte. Die Versenkung der Royal Oak kurz nach Kriegsbeginn traf uns völlig überraschend. Kühn hatte er seine Flotte direkt in den britischen Marinestützpunkt Scapa Flow geschickt. Von da an stand sein Name ständig in den Zeitungen. Er war vermutlich fast ebenso bekannt wie Göring oder Goebbels.“
Der britische Premierminister Churchill war über den unerwarteten Angriff bestürzt. Später sagte er: „Während des Krieges gab es nur eines, das mir Angst machte: Dönitz’ U-Boote.“
〈[Juni 1940: Deutsche Truppen besetzen Paris.]〉
Hitlers Heer rückte auf dem europäischen Kontinent rasch nach Westen vor. Nun fielen zahlreiche Atlantikhäfen in deutsche Hand. Ein Zugang zum Atlantik war ein langgehegter Traum der Marine. Von den neuen Stützpunkten aus griffen die U-Boote britische Geleitzüge unablässig an. Die Taktik hieß „Rudeltaktik“: Mehrere U-Boote schlossen sich wie ein Wolfsrudel zusammen und griffen gleichzeitig an. Bei ihrer siegreichen Rückkehr belohnte die deutsche Bevölkerung die U-Boot-Fahrer mit begeistertem Empfang.
(R. G. Buchheim, damals Kriegsberichterstatter): „Es entstand eine besondere Begeisterung, als sei das eine Art Freikorps Dönitz. Die Menschen drängten sich, um seine Orden zu sehen. Dass diese tatsächlich nur kleine U-Boot-Flotte so mitreißende Siege errang, war für Deutschland damals die größte Freude.“
Unter Jubel brechen die Besatzungen zum Einsatz auf. Unter der Wasseroberfläche erwartet sie dagegen ein harter Alltag.
A. Claasen, damals Offizier der deutschen Marine: „Vor allem diese Enge und dieser Gestank. Es war kein Ort, an dem man sich lange aufhalten konnte. Man musste seine Aufgaben erledigen und zusammenleben, während man den Kameraden buchstäblich Rücken an Rücken berührte. Selbst heute erscheint mir der Dienst auf einem U-Boot als unerträgliche Belastung.“
Die britische Marine setzte ihr ganzes Ansehen aufs Spiel und begann den Gegenangriff auf die U-Boote. Das Dröhnen der Wasserbomben hallte über das Meer. Der erbarmungslose Kampf im Atlantik sollte bis zum Kriegsende andauern. Gekämpft wurde nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Propaganda.
〈[Deutsche Wochenschau] „Wenn U-Boote den Feind verfolgen, gibt es nur eine Losung: Bereit zum Versenken!“〉
Ergebnisse der U-Boot-Operationen
〈Von Juli bis Oktober 1940 führte die deutsche Luftwaffe heftige Luftangriffe auf Großbritannien durch.〉
Die Kämpfe in der Luft und auf See wurden immer heftiger. Die Führung der britischen Marine saß voller Sorge in ihren Schutzbunkern. Die durch U-Boote verursachten Schiffsverluste stiegen rasant. Soldaten erstickten im Schweröl sinkender Schiffe. Andere wurden vom Meer verschlungen und blieben spurlos verschwunden. Etwa ein Jahr nach Kriegsbeginn hatte die britische Marine bereits mehr als 10.000 Soldaten verloren.
Im deutsch besetzten Frankreich feierten gut gelaunte Männer die wiederholten Erfolge der U-Boote. Dönitz glaubte, die Wirksamkeit seiner U-Boot-Strategie bewiesen zu haben. Nun verlangte er einen weiteren Ausbau der U-Boot-Waffe.
(R. Hardegen, damals U-Boot-Kommandant): „Damals wurde ständig gefeiert. Wir saßen an vornehm gedeckten Tischen und genossen Austern und Hummer. Natürlich auch Champagner. Das war eine selbstverständliche Belohnung. Denn der Auftrag eines Soldaten ist es, Siege zu erringen, und wer seinen Auftrag erfüllt, soll dafür angemessen belohnt werden.“
In Lorient in der Bretagne begann der Bau einer gewaltigen Festungsanlage: Schutzbunker für die dort liegenden U-Boote. Endlich entstand der für Dönitz’ U-Boot-Strategie unverzichtbare Stützpunkt. Doch die deutsche Marine hatte eine Schwäche: Sie besaß keine eigene Luftwaffe. Immer wieder bat Dönitz die deutsche Luftwaffe um Zusammenarbeit. 〈Oberbefehlshaber der Luftwaffe: Göring〉 Doch Göring ließ bis zuletzt nicht zu, dass die Marine bei der Einsatzplanung der Luftwaffe mitsprach.
Feindliche Luftpatrouillen bedrohten die U-Boote. Durch ein auf diese Weise erbeutetes U-Boot gelangten wichtige Geheimnisse der deutschen Marine zum Gegner.
Die Entschlüsselung der Enigma – die Kriegserklärung an Amerika
〈Enigma〉
Enigma: die deutsche Chiffriermaschine, die mit einer astronomischen Zahl von Kombinationen arbeitete und als unentzifferbar galt. Die Briten versammelten jedoch Fachleute und entschlüsselten das gesamte System einer erbeuteten Maschine.
(H. Hinsley, damals britischer Entschlüsselungsoffizier) „Nun konnten wir den gesamten Funkverkehr von Dönitz und seinen Leuten entschlüsseln. Wir leiteten die Geleitzüge von den Seegebieten weg, in denen die U-Boote lauerten. Die U-Boote konnten nicht mehr ihre frühere Stärke ausspielen. Statt von einer Niederlage zu sprechen, wäre es vielleicht genauer zu sagen, dass ihnen der Sieg entging. Plötzlich fanden sie ihren Gegner nicht mehr. Das muss sie sehr nervös gemacht haben.“
Die Führung der deutschen Marine bemerkte dieses schwerwiegende Informationsleck bis zuletzt nicht. Die Enigma übermittelte weiter geheime Nachrichten. Für Dönitz häuften sich unerklärliche Fehlschläge.
〈[Im Dezember 1941 erklärte Hitler Amerika den Krieg.]〉
Deutschland hatte nun auch die Vereinigten Staaten endgültig zum Feind. Die U-Boot-Flotte begann das sogenannte Unternehmen Paukenschlag. Sie überquerte den Atlantik und versenkte vor der amerikanischen Ostküste wahllos große Transportschiffe. In den sechs Monaten ab Januar 1942 wurden 500 Schiffe mitsamt ihren Besatzungen versenkt. Jetzt schien keine Anzahl von U-Booten mehr auszureichen. Orden und Urlaub boten den Mannschaften eine kurze Anerkennung und Erholung. Vor ihnen lag noch ein langer Kampf.
Im Herbst 1942 versenkte ein U-Boot das britische Schiff Maconia mit 1500 Menschen, darunter Kriegsgefangenen, an Bord. Der Kapitän bat das U-Boot um Hilfe. Als jedoch alliierte Kampfflugzeuge angriffen, ließ Dönitz die Rettungsaktion abbrechen.
(H. von Schröter, damals U-Boot-Kommandant) „Innerlich empfanden wohl alle Mitleid und Bitterkeit. Aber es war nicht der Zeitpunkt, das auszusprechen.“
An die Spitze der deutschen Marine
〈Januar 1943: Dönitz wird Oberbefehlshaber der deutschen Marine.〉
Dönitz erreichte schließlich die Spitze der deutschen Marine und wurde in Hitlers Hauptquartier berufen. Nun gehörte auch er zum engsten Kreis. Hitler, der angesichts der Kriegslage zunehmend nicht weiterwusste, setzte Hoffnungen in diesen später hinzugekommenen fähigen Vertrauten. Kurz darauf erlitt das Heer an der Ostfront einen Rückschlag.
〈[Februar 1943: Die deutschen Truppen werden in Stalingrad vernichtet.]〉
Die Erwartungen an die U-Boote stiegen immer weiter. Dönitz’ Wünsche wurden endlich erhört, und die Produktion wurde rasch gesteigert. Die Bauarbeiten verrichteten KZ-Häftlinge. Selbst in der Marine, die sich scheinbar nicht unmittelbar an der Gewalt gegen Juden beteiligte, wurden im Verlauf des Krieges mitunter Vorschläge wie dieser gemacht: „Zum Plan, die Flucht jüdischer Flüchtlinge auf Schiffen zu verhindern“. Auch Dönitz wusste, dass dies die Ermordung von Juden bedeutete.
1943 erreichte der Kampf zwischen den U-Booten und den Alliierten seinen Höhepunkt. Doch inzwischen hatten die Briten ein neues Radar entwickelt, das den Deutschen einen verheerenden Schlag versetzte. Im Mai verlor Dönitz auf einen Schlag 41 U-Boote. 2.000 Menschen starben, darunter sein jüngerer Sohn. Ein Jahr später verlor auch sein älterer Sohn das Leben.
U. Hessler, Dönitz’ Tochter: „Ich erinnere mich gut daran, wie im Mai 1944 der ältere meiner beiden jüngeren Brüder fiel. Der jüngste war schon nicht mehr am Leben. Als die Nachricht kam, lag ich mit einer Mandelentzündung im Bett. Da erschien mein Vater. Er nahm meine Hand und setzte sich schweigend hin. So hatte ich ihn noch nie erlebt, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es war ein bedrückendes Schweigen, das mir wie Stunden vorkam.“
Doch Dönitz hatte keine Zeit, sich seiner Trauer als Vater hinzugeben. Er musste die Erwartungen des Führers erfüllen.
R. G. Buchheim, damals Kriegsberichterstatter: „Meiner Ansicht nach kam Dönitz’ Verhalten am Ende des Krieges einem Massenmord gleich. Er muss gewusst haben, dass die U-Boote inzwischen keine Aussicht auf Erfolg mehr hatten. Trotzdem gab er nicht nach. Er war von Ehrgeiz besessen.“
Seit er zu Hitlers engstem Kreis gehörte, zeigte Dönitz beispielhafte Treue und war dem Diktator verfallen. Er schrieb: „Wie unbedeutend sind wir im Vergleich zu der Kraft, die der Führer ausstrahlt. Schon der Gedanke, die Dinge besser lenken zu können als er, ist der Gipfel der Torheit.“
(A. Claasen, damals Offizier der deutschen Marine) „Dönitz versammelte oft junge Offiziere in seinem Zimmer und sprach ganz ungezwungen mit ihnen. Auch ich saß zu seinen Füßen und hörte zu. Besonders eingeprägt hat sich mir sein Gesichtsausdruck, wenn er sagte: ‚Ich komme gerade vom Führer.‘ Seine Augen leuchteten stolz. Dann begann er in aller Ruhe zu erzählen.“
Als die alliierten Luftangriffe auf Deutschland heftiger werden, verlegt Dönitz sein Hauptquartier in einen Bunker am Berliner Stadtrand, in die Nähe des Führers. „Haltet um jeden Preis stand.“ Seine Befehle an die Untergebenen sind inzwischen reine NS-Propaganda.
〈[Seit Ende 1943 bombardierten die Alliierten Berlin verstärkt.]〉
Ein fanatischer NS-Führer
Je näher das Kriegsende rückte, desto mehr verlor Dönitz in seinen Worten und Taten die frühere nüchterne Urteilskraft eines Befehlshabers. Er verschmolz völlig mit der fanatischen Ideologie der Nationalsozialisten. Bei jeder Gelegenheit trichterte er den jungen Soldaten die Botschaften des Diktators ein: „Was jetzt von uns verlangt wird, ist der rücksichtslose Einsatz. Unterstützt unseren Führer und unseren Nationalsozialismus!“ Offensichtlich waghalsige Angriffsbefehle führten zu verheerenden Ergebnissen. Das große Schlachtschiff Scharnhorst stellte sich in einem selbstmörderischen Einsatz der feindlichen Flotte. Mit 2.000 Mann Besatzung sank es in den nordeuropäischen Gewässern.
(E. Reimann, Überlebender des versenkten Schlachtschiffs): „Viele Menschen trieben auf dem Wasser. Bald riefen einige von ihnen dem Schiff ein Hurra zu. Manche begannen zu singen. Es war ein Lied, das den Tod von Seeleuten beklagte. Die Worte ‚Auf einem Seemannsgrab blühen keine Rosen‘ klangen über das Wasser. Dann sah ich das Ende des Schlachtschiffs. Der riesige Rumpf sank langsam ins Meer. Schließlich wurde es stockdunkel. Ich konnte nichts sehen und nichts hören. Ich spürte nur die immer wieder heranrollenden Wellen an meinem Körper. Ich war allein im kalten nächtlichen Meer.“
Vom besonnenen Soldaten zum fanatischen NS-Führer: Dönitz’ Wandlung erfreute Hitler.
R. G. Buchheim, damals Kriegsberichterstatter: „Am Ende war Dönitz nur noch ein von Ehrgeiz getriebener Mann. Hätte er Verantwortungsgefühl als Befehlshaber besessen, hätte er dem Führer gesagt, dass die Grenze erreicht sei, bevor er seine Soldaten sinnlos sterben ließ.“
1944 vertrat Dönitz den Führer offiziell bei einer Gedenkfeier für gefallene Soldaten.
〈„Hätte der Führer die Herzen des Volkes nicht geeint, wäre unser Vaterland in unermessliches Chaos gestürzt. Die Zersplitterung der Parteien und das jüdische Gift hätten dieses Land zerrissen. An der kompromisslosen nationalsozialistischen Weltanschauung festzuhalten ist notwendig, damit wir unter der Last des Krieges nicht zusammenbrechen.“〉
〈[20. Juli 1944: Gescheitertes Attentat auf Hitler]〉
Nach dem Attentat verlangte Hitler von seinen Vertrauten noch stärker Beweise ihrer Treue. Anerkennung fand eine unterwürfige Haltung, die bereit war, alles für den Führer zu tun. Beim Marinenachrichtendienst wurden folgende Worte von Dönitz festgehalten: „Ehe meine Enkel vom Gift der jüdischen Rasse angesteckt werden, kämpfe ich weiter, selbst wenn ich mich am Boden festbeißen muss.“ Diese Aufzeichnung wurde erst viele Jahre nach dem Krieg entdeckt.
Verzweifelte Bemühungen in aussichtsloser Lage
〈[Im August 1944 befreien die Freien Französischen Streitkräfte und die Alliierten Paris.]〉
Die Alliierten schlagen mit aller Kraft zurück. Selbst die als uneinnehmbar geltenden U-Boot-Bunker werden bombardiert. Doch die Niederlage der U-Boote hat sich bereits auf dem Atlantik abgezeichnet. In einem letzten Aufbäumen lässt Dönitz eine Reihe neuer, als Wunderwaffen bezeichneter Systeme erproben.
(H. Lautenbach, damals Arzt im Hauptquartier): „Es war ein verzweifelter, aber völlig vergeblicher Versuch. Die ausgebildeten jungen Männer hatten noch nie tatsächlich auf einem Schiff gedient. Wahrscheinlich hatten sie gerade erst gelernt, was ein Kompass war. Sie sahen alle noch so kindlich aus, dass man sie fast Kinder nennen konnte. Auf Befehl stürzten sie sich auf den Feind, und die meisten kamen niemals zurück.“
Neue Soldaten mussten dringend herangeführt werden. Der Oberbefehlshaber der Marine selbst trat in einem Film auf und forderte junge Männer zum Dienst auf. Hier zeigt sich die Wirklichkeit, die sie erlebten.
Hitlers Stellvertreter
‹[Januar 1945: Die sowjetischen Truppen stoßen rasch nach Westen vor. Die Entscheidungsschlacht um Berlin rückt näher.]›
Die sowjetischen Truppen rückten auf die Hauptstadt Berlin vor. Auf Hitlers Befehl verließ Dönitz die Stadt kurz vor ihrer Einkesselung. In Norddeutschland führte er den Kampf weiter. Am 30. April erhielt er einen Brief von Martin Bormann, dem Leiter der NS-Parteikanzlei. Darin stand überraschend, der Führer habe ihn zu seinem Nachfolger bestimmt. Hitlers Selbstmord wurde nicht erwähnt. Dönitz antwortete ehrerbietig: „Meine Treue zum Führer bleibt mein Leben lang unverändert. Ich werde alles tun, um Sie aus Berlin zu retten.“
Kurz vor dem Ende des Dritten Reichs tobten in der eingeschlossenen Hauptstadt Berlin erbitterte Straßenkämpfe. Dönitz hielt bis zuletzt sein Versprechen gegenüber dem Führer. Obwohl keinerlei Aussicht auf eine Wende bestand, wurden immer weitere Soldaten eingesetzt. Am 1. Mai erfuhr Dönitz vom Tod Hitlers.
〈„Deutsches Volk, Soldaten der Wehrmacht! Der Führer Adolf Hitler ist tot. Tiefe Trauer und Ehrfurcht werden das deutsche Volk erfüllen. Der Führer hat mich zu seinem Nachfolger bestimmt. Im Bewusstsein der schweren Verantwortung in dieser Schicksalsstunde führe ich seinen Willen fort.“〉
H. v. Schröter, damals U-Boot-Kommandant: „Wenn jemand fragt, warum er zum Nachfolger wurde, würde ich sofort zurückfragen: Wer sonst? Göring, Goebbels und Himmler waren von der Liste möglicher Nachfolger des Führers verschwunden.“
Auf der Flucht vor den heranrückenden britischen Truppen verlegte Dönitz sein Hauptquartier nach Flensburg nahe der dänischen Grenze. Ausgerechnet dort befand sich die Marineschule, an der seine Laufbahn begonnen hatte. Nun musste er den Traum vom Deutschen Reich abwickeln, den der Führer dem Volk eingegeben hatte. Hitlers Reich versank in Trümmern.
K. Tettelbach, damals deutscher Generalstabsoffizier: „Am Tag unserer Ankunft in Flensburg war das Wetter herrlich. Am Tor der Marineschule standen Unteroffiziere in strahlend weißen Uniformen in der Maisonne. Als Dönitz und die anderen näher kamen, nahmen sie sofort Haltung an. Alles wirkte so friedlich, dass man die bedrohliche Wirklichkeit beinahe vergessen konnte.“
Da die Niederlage unvermeidlich war, musste nun vor allem verhindert werden, dass noch mehr Soldaten in Gefangenschaft gerieten. Dönitz befahl seinem Nachfolger als Oberbefehlshaber der Marine, Friedeburg, möglichst viel Zeit zu gewinnen. Die deutschen Truppen kapitulierten zunächst teilweise an der Westfront und setzten sämtliche verbliebenen Transportschiffe zur Unterstützung der fliehenden Deutschen ein. Der Plan ging auf. Mehr als zwei Millionen Menschen konnten aus Gebieten mit verschärfter Kriegslage, etwa an der Ostseeküste, entkommen.
Während er auf diese Weise zahlreiche Menschen aus größter Not rettete, erließ Dönitz andernorts Befehle, die man nur grausam nennen kann. Einige Soldaten, die gegen die militärische Disziplin verstoßen hatten, ließ er erschießen. Es waren Matrosen, die nach der Nachricht von der deutschen Kapitulation ohne Erlaubnis nach Hause hatten zurückkehren wollen und dafür mit dem Leben bezahlen mussten.
O. Kranzbühler, damals Dönitz’ Verteidiger: „Dönitz sagte dazu entschieden: ‚Ich kann keine doppelte Moral haben. Gerade weil so viele wertvolle Menschenleben auf dem Schlachtfeld verloren gehen, kann ich Menschen nicht verzeihen, die sich heimlich aus der Truppe davonstehlen.‘“
Dönitz versuchte, den Krieg weiter hinauszuzögern. Er wollte eine vollständige Kapitulation vermeiden und den Kampf gegen die sowjetischen Truppen an der Ostfront fortsetzen. Doch die westlichen Siegermächte wollten diesem Wunsch nicht entsprechen.
Hitlers unerwünschter Nachfolger
〈[Am 7. Mai 1945 akzeptierte die Regierung Dönitz die bedingungslose Kapitulation Deutschlands.]〉
〈„Deutsche Mitbürger, die Grundlagen unseres Staates sind zerstört, und Deutschland muss einen dornenreichen Weg gehen. Ich habe nicht die Absicht, diesem schwierigen Weg auszuweichen. Wenn das Volk mich braucht, bin ich bereit, im Amt zu bleiben und meine ganze Kraft einzusetzen. Wenn es mir aber befiehlt zu gehen, sehe ich auch im Gehorsam gegenüber diesem Befehl einen Dienst am Vaterland.“〉
Inmitten verbrannter Erde und Trümmer sehnten sich die Deutschen nicht mehr nach einem Nachfolger Hitlers.
〈Im Mai 1945 endete die Regierung Dönitz nach nur zwei Wochen.〉
Eines der U-Boote, das bis zuletzt gekämpft hatte, kapitulierte im siegestrunkenen London. Zwei Wochen nach der Gesamtkapitulation verhafteten die Alliierten nacheinander Hitlers Vertraute und Untergebene. Ein halbes Jahr später sollten die Kriegsverbrechen seines Regimes vor den Augen der Welt verhandelt werden. Auch Dönitz musste sich als Hitlers Nachfolger verantworten.
Dann das Urteil: zehn Jahre Haft.
〈1956: „Der 65-jährige ehemalige Oberbefehlshaber der Marine zeigte sich nach seiner Freilassung und erklärte der Presse: ‚Ich werde nichts sagen.‘“〉
〈[Denkmal für die gefallenen U-Boot-Fahrer]〉
Ein Ehrenmal für die gefallenen U-Boot-Fahrer. Die stummen Zeugen jener Zeit, die nicht mehr sprechen können, ruhen noch heute auf dem Grund des Atlantiks.
〈Von 39.000 U-Boot-Besatzungsmitgliedern fielen 28.000.〉






