Hakenkreuz

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Hakenkreuz – Persönlichkeiten des Dritten Reiches
GESCHICHTE / Personen kennenlernen

Martin Bormann

Über den NS-Funktionär Martin Bormann.

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Dieser Text wurde vom Autor auf Grundlage von Filmaufnahmen und anderen Materialien verfasst. Bitte unterscheiden Sie beim Lesen zwischen Zitaten, Beschreibungen der Quellen und den Ansichten des Autors. Der Beitrag kann Schilderungen und dokumentarische Bilder historischer Verfolgung und Kriege enthalten.

Martin Bormann

Der Schatten des Führers

Berlin, 2. Mai 1945. Als der heftige Angriff der Sowjetarmee bis unmittelbar vor die Reichskanzlei vorgedrungen war, versuchten vier Männer zu entkommen. Einer von ihnen war Martin Bormann, der geheimnisvollste unter Hitlers Vertrauten. Nach seiner letzten Sichtung an der Weidendammer Brücke verlor sich seine Spur.

〈„Wegen Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen werden folgende Personen schuldig gesprochen: Hermann Wilhelm Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Robert Ley, Wilhelm Keitel, Ernst Kaltenbrunner, Hans Frank, Karl Dönitz, Baldur von Schirach, Alfred Jodl und Martin Bormann.“〉

„In vielerlei Hinsicht hätte der Nationalsozialismus ohne Bormann möglicherweise gar nicht bestehen können. Wie ein Schatten ergänzte er das, was Hitler fehlte.“ (S. Wiesenthal, Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher)

Zeugen widersprachen der Behauptung des Verteidigers, Bormann sei bereits tot. In Abwesenheit des Angeklagten wurde über Hitlers Schatten das Urteil gesprochen.

〈Aus den in der Anklageschrift genannten Gründen wird Martin Bormann zum Tod durch den Strang verurteilt.〉

„Der Prozess endete mit einem Todesurteil, aber auch danach wurde mein Vater nicht gefunden. Ich dachte, er habe bestimmt irgendwo überlebt.“ (M. Bormann, Bormanns Sohn)

1972 wurden am Fuß der Weidendammer Brücke zwei menschliche Skelette gefunden. Experten erklärten eines davon zweifelsfrei zu Bormanns Überresten.

„Martin Bormann starb 1945. Sämtliche Untersuchungsergebnisse und Umstände sprechen dafür. Ich halte es für hundertprozentig sicher, dass Bormann 1945 in Berlin gestorben ist.“ (Der Rechtsmediziner H. Hühne)

Kindheit und Jugend

Martin Bormann wurde 1900 im norddeutschen Halberstadt geboren, im Deutschen Kaiserreich unter Wilhelm II. Sein Vater, ein ehemaliger Kavallerist, starb, als Bormann drei Jahre alt war. Mit dem Stiefvater kam er nicht zurecht und verlebte düstere Tage. Dann trat eine entscheidende Wende ein.

〈Mitten im Frieden hat uns der Feind angegriffen. Greift zu den Waffen! Zweifel und Zögern wären Verrat am Vaterland. (Stimme Wilhelms II., August 1914)〉

〈„Mobilmachung!“〉

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Angesichts der großen Umwälzungen der Zeit verließ der junge Bormann sein Elternhaus.

„Mein Vater wollte offenbar zur Armee. Doch für einen Fünfzehnjährigen war er klein und schwach und wurde nicht aufgenommen. Nach Hause ging er trotzdem nicht. Er wollte nicht zu seinem neuen Vater zurück.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Erst kurz vor Kriegsende wurde Bormann zum Militär zugelassen, doch es war bereits zu spät. Niederlage, Chaos und sozialistische Revolution. Die Rechte, die sich dadurch zunehmend bedroht fühlte, setzte vielerorts Gewalt ein und unterdrückte die Linke massiv.

Damals arbeitete Bormann als Aufseher auf einem großen Gut in Mecklenburg. 1923 befahl er, einen Mann zu bestrafen, der verdächtigt wurde, Kommunist zu sein. Seine Untergebenen führten den Befehl aus. Dem Mann wurde der Schädel zertrümmert; er starb. Bormann und die anderen wurden verhaftet. Doch das Gericht war rechtslastig. Bormann wurde zwar verurteilt, erhielt aber, weil er nicht selbst zugeschlagen hatte, lediglich elf Monate Haft.

Im November desselben Jahres 1923 kam es zum rechtsextremen Terrorakt, der als Münchner Putsch bekannt wurde. Hitler, der Anführer, wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, aber nach etwa einem Jahr freigelassen. Kurz danach kam auch Bormann frei und kehrte 1925 nach Weimar zurück. Hitler hielt sich im selben Jahr ebenfalls in Weimar auf, kannte Bormann damals jedoch noch nicht.

Eintritt in die NSDAP

Die Nationalsozialisten suchten einen Verwalter für den Hilfsfonds der SA. Voraussetzung war die Mitgliedschaft in der NSDAP. Bormann erkannte die Aufstiegschance und trat 1927 in die Partei ein. Dies sind die ältesten Filmaufnahmen von ihm. Später heiratete er die Tochter eines einflussreichen Parteifunktionärs. Hitler und Rudolf Heß waren Trauzeugen.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler.

〈Jubelnde Menschenmengen, Fackelschein erhellt den Platz wie am Tag. Was für ein herrlicher Anblick!〉

Doch Bormann hatte keinen Grund, sich unbeschwert zu freuen.

„Mein Vater verwaltete den Hilfsfonds der Partei. Doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging diese Aufgabe an staatliche Stellen über, und er verlor seine Arbeit. Er bat Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers geworden war, um Hilfe. So erhielt er den Posten des Leiters von Heß’ Büro.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Durch Rudolf Heß konnte Bormann nun näher an Hitler arbeiten als zuvor. Anders als Hitler und Heß lag ihm das Reden vor Publikum jedoch überhaupt nicht.

‹„Das Glück liegt in unserer Hand, denn die Zukunft gehört ganz uns.“ (Hitlers Rede)› Bormanns Zukunft war tatsächlich untrennbar mit Hitler verbunden.

„Damals galt Bormann in der Partei noch nicht als bedeutende Figur. Nach meinem Eindruck erledigte er die gröberen Arbeiten und spielte die Rolle eines Schäferhunds, der Schafe zusammentreibt. Er stand beispielsweise oben an der Treppe und beobachtete, wer zu spät kam. Er übernahm Aufgaben, die eine hochgestellte Persönlichkeit wie Heß nicht erledigen konnte.“ (H. Fath, ehemalige Sekretärin von Heß)

Ehrgeiz

〈„Der Nationalsozialismus ist Hitler, Hitler ist Deutschland, und Deutschland ist Hitler.“ (Rudolf Heß, Stellvertreter des Führers)〉

Mit seinen hervorragenden organisatorischen Fähigkeiten wurde Bormann für Heß zunehmend unentbehrlich. Er nahm ihm lästige Parteiprobleme und alltägliche Kleinigkeiten ab. Weil der eine unermüdlich arbeitete, konnte der andere unbeschwert seinen Träumen nachgehen.

„Bormann war ein ausgesprochener Arbeitsmensch. Mein Vater dagegen ging lieber Ski fahren oder Ähnliches.“ (Heß’ Sohn W. R. Heß)

Doch der ehrgeizige Bormann zielte in Wahrheit auf den Mann über Heß. Um noch mehr Macht zu gewinnen, nutzte er jede Gelegenheit, Hitler näherzukommen.

„Bormann leistete der Partei große Dienste. Sein Ziel war es, die NSDAP zur letztentscheidenden Instanz der Staatsführung zu machen. Um dies zu erreichen, musste vor allem die Beziehung zu Hitler möglichst eng werden. Das hatte Bormann sehr gut verstanden.“ (B. F. v. Loringhoven, ehemaliger Offizier des Dritten Reiches)

Dann bot sich Bormann eine große Gelegenheit. Hitlers Haus in Berchtesgaden war zu klein geworden, und ein neuer, dem Führer angemessener Landsitz wurde geplant. Bormann erhielt den Auftrag, die Bauarbeiten zu überwachen.

„Er stand dort in einem grauen Anzug, schwarzen Stiefeln und einem breitkrempigen Hut. Ich fragte mich, wer dieser Mann wohl sei.“ (Hitlers ehemaliger Hausverwalter H. Döring)

Bormann trieb die Arbeiten rücksichtslos voran und wurde rasch zum unbeliebtesten Mann auf der Baustelle. Für ihn war das jedoch nebensächlich. Mit dem Bau des Berghauses wollte er Hitler auf sich aufmerksam machen. Alles andere war ihm gleichgültig.

„Bormann überwachte alles bei Tag und Nacht. Niemand konnte seinen Augen entgehen. Wenn sich die Arbeiten aus irgendeinem Grund verzögerten, untersuchte er sofort die Ursache. Dann hieß es nur: Jetzt ist alles wieder in Ordnung, weiterarbeiten, immer weiter.“ (H. Döring, ehemaliger Hausverwalter Hitlers)

Im Sommer 1936 wurde der Berghof in Rekordzeit fertiggestellt, und Hitler war hochzufrieden. Ein fähiger Untergebener, der selbst Unmögliches möglich machte, um die Wünsche seines Herrn zu erfüllen: Hitler begann Bormann sehr zu schätzen. So festigte Bormann allmählich seine Stellung als Hitlers Schatten.

„Bormann machte sich unentbehrlich. Was er anpackte, gelang ihm immer. Aber er war ein teuflischer Mensch, der sich auf dem Berg festgesetzt hatte. Persönlich konnte ich ihn deshalb nicht ausstehen. Ich glaube, Bormann war von Grund auf böse. Er war wie eine Kröte, die nach Menschen schnappt.“ (R.Reinhard Spitzy, ehemaliger Adjutant Hitlers)

Ein fähiger Spießer

Spaziergänge gehörten zu Hitlers Tagesablauf. Er ging ein wenig vor seinen Gästen, während Bormann ihm wie ein Schatten folgte, stets in Hörweite seines Herrn.

„Mein Vater hatte immer steifes, kartenartiges Papier und einen kurzen Bleistift in der Tasche. Beides passte hinein, ohne die Kleidung auszubeulen. So konnte er jederzeit Gedanken oder Gesprächsfetzen notieren.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Hitler brauchte die Fähigkeiten des kaltblütigen, pragmatischen Bormann. Bormann wiederum baute im Schutz von Hitlers Autorität seine eigene Macht aus.

„Hitler sagte: ‚Bormann ist ein gerissener Spießer, aber einen so fähigen Mann wie ihn gibt es kein zweites Mal.‘ Tatsächlich führte er jeden Befehl vollständig und bis ins letzte Detail aus, ohne davon abzuweichen.“ (H. Döring, ehemaliger Betreuer Hitlers)

Alles verlief nach Bormanns Vorstellungen, und er festigte seine Stellung als mächtiger Mann im Hintergrund weiter. Sein Ziel war die uneingeschränkte Herrschaft der Nazis über den gesamten Staat. Auch sein Vorgesetzter Rudolf Heß konnte ihn inzwischen nicht mehr übergehen.

„Wenn Heß mit jemandem sprach, musste immer ein Mitarbeiter Bormanns dabei sein. So war es festgelegt. Trotzdem traf Heß gelegentlich Menschen hinter Bormanns Rücken.“ (R. Schrödel, ehemalige Sekretärin von Heß)

Ein Diktator brauchte keinen Stellvertreter. Hitler brauchte Untergebene, die alles für ihn tun würden. Bormann war dafür genau der Richtige.

„Mein Vater sagte: Nationalsozialismus ist nichts anderes als der Wille des Führers.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

März 1938. Hitler kehrte in seine Heimat Österreich zurück. Hinter ihm war Bormann zu sehen. Dieser hatte damals den Auftrag, das Haus zu kaufen, in dem Hitlers Eltern einst gelebt hatten, sowie das Gebäude der Schule, die Hitler besucht hatte. Hitler verfügte über mehr als genug Geld. Bormann verwaltete es.

Zu Hitlers Geburtstag bereitete Bormann ein prächtiges Geschenk vor. In 1.834 Metern Höhe ließ er ein luxuriöses Teehaus errichten. Die Kosten beliefen sich auf die gewaltige Summe von 30 Millionen Mark.

„Die Kosten waren Bormann gleichgültig. Ich weiß nicht, woher diese riesigen Summen kamen, aber er hatte jedenfalls immer Geld.“ (Der Ingenieur M. Hartmann)

Mit Hitlers Vollmacht konnte Bormann über erhebliche politische Geldmittel verfügen. Auch dem SS-Chef Himmler schenkte er ein Landhaus an einem See. Hitlers Geliebter Eva Braun machte er Geschenke wie seidene Unterwäsche, Parfüm und Schmuck. Dennoch brachte niemand Bormann persönliche Zuneigung entgegen.

„Soweit ich weiß, mochte niemand Bormann. Selbst Himmler nicht, obwohl er von ihm ein Landhaus bekommen hatte. Auch die führenden Nationalsozialisten waren ungern mit ihm zusammen. Freunde hatte er wohl überhaupt keine.“ (R. Schröder, ehemalige Sekretärin von Hess)

Bormanns Privatleben und Affären

Dass ein Mensch unbeliebt ist, der nach oben buckelt und nach unten tritt, ist kaum verwunderlich. Nur Bormanns Frau blieb ihm gegenüber uneingeschränkt gehorsam.

„Sie war eine glückliche Frau und sagte das auch selbst. Vor allem war sie ihren acht Kindern eine gute Mutter, und darauf war sie stolz.“ (E. Topp, Gast der Familie Bormann)

Wie um Hitlers Wünschen zu entsprechen, zeugte Bormann viele Kinder.

„Wir hatten zu unserer Mutter ein gutes, liebevolles Verhältnis. Sie war fröhlich und kümmerte sich fast ausschließlich um die Kinder.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Der Vater hielt sich fast immer bei Hitler auf. Doch bei einem Empfang für den ungarischen Staatsführer Miklós Horthy bot sich einem Offizier, der Bormann suchte, ein unerwarteter Anblick.

„Bormann lag mit einer Frau im Bett. Wer sie war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls war die Situation auf einen Blick klar. Ich erschrak heftig, schloss aber leise die Tür und entfernte mich unbemerkt. Wer die Frau war, spielt keine Rolle. Hätte Bormann mich damals bemerkt, wäre ich zweifellos beseitigt worden.“ (Hitlers ehemaliger Adjutant R.Reinhard Spitzy)

Im September 1939 begann schließlich der Zweite Weltkrieg. Auch Bormann hatte nun keine Zeit mehr für Liebesaffären. Hitler hielt ihn ständig in seiner Nähe. Bormanns Macht wuchs unaufhörlich.

„Bei Kriegsbeginn war mein Vater der Stellvertreter von Rudolf Heß, dem Stellvertreter des Führers. Zugleich war er stellvertretender Parteiführer und im Hauptquartier Verwaltungsleiter. Er fungierte also in mehreren Funktionen als Vermittler.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Auch im besetzten Paris war Bormann an Hitlers Seite. Doch erneut spielte eine Frau eine Rolle. Seiner neuen Geliebten schrieb er: „Meine Liebste, ein Mann kann mehrere Frauen haben, aber eine Frau darf nur einem Mann gehören. Wenn du dich hinter meinem Rücken mit einem anderen Mann vergnügst, könnte ich dir übel mitspielen. Dein Martin.“

„Bormann sagte auch: ‚Ich habe noch andere Kinder, von einer Frau, die nicht meine Ehefrau ist. Ich habe schließlich hervorragende Gene, die muss ich vervielfachen.‘“ (E. Topp, Gast der Familie Bormann)

Rudolf Heß’ Verrat und der Aufstieg

Im Mai 1941 ereignete sich ein spektakulärer Zwischenfall: Der Stellvertreter des Führers, Hess, flog eigenmächtig nach Großbritannien, um Frieden zu suchen. Der Versuch scheiterte vollständig. Der wütende Hitler ließ einen Helfer von Hess nach dem anderen verhaften. Auch Bormann bemühte sich verzweifelt, nicht selbst in die Affäre hineingezogen zu werden. Um dies zu demonstrieren, wollte er Hess’ Frau bestrafen.

„Bormann unternahm allerlei, um das Leben meiner Mutter zu zerstören. Doch sie sprach über Eva Braun direkt mit Hitler. Kurz darauf befahl Hitler Bormann, die Maßnahmen gegen sie einzustellen.“ (Heß’ Sohn W. R. Heß)

Letztlich behinderte der Fall Heß Bormanns Aufstieg nicht. Er wurde zum Leiter der Parteikanzlei befördert. Nachdem sein Vorgesetzter Heß verschwunden war, wurde Bormann endgültig zu Hitlers Schatten.

„Mein Vater war ein Mensch der Hingabe und des Fleißes. Er gab seinem Herrn Hitler alles und scheute keine Mühe, dessen Ziele zu erreichen. Nicht seine eigenen Ziele, sondern die Hitlers. Denn er glaubte, das diene dem deutschen Staat.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Auch der Überraschungsangriff auf die Sowjetunion brachte zunächst große Siege. Als militärischer Oberbefehlshaber war Hitler nun immer stärker beschäftigt. Sowohl als Politiker als auch als Heerführer hatte er unzählige Fragen zu bewältigen. Daher übernahm Bormann die Auswahl der Informationen, die Hitler vorgelegt wurden.

„Auch ich begleitete einmal einen Soldaten, der von der Front zurückgekehrt war, zu seinem Bericht. Doch jeder Bericht musste zunächst Bormann vorgelegt werden. Er entschied, ob er dem Führer übermittelt wurde.“ (Hitlers ehemaliger Diener K. Krause)

Hitler umgab sich mit seinen Generälen. Da Bormann der einzige hohe Parteifunktionär unter ihnen war, lief in Parteiangelegenheiten nichts ohne ihn. Doch die Wehrmachtsspitze, die unmittelbar mit Hitler sprechen konnte, war Bormann ein Dorn im Auge.

„Der von Macht besessene Bormann versuchte verzweifelt, auch im Machtkampf mit der Wehrmacht die Oberhand zu gewinnen. Deshalb stellte er die Politik über das Militär und beeinflusste Hitlers Entscheidungen erheblich.“ (W. Frentz, Hitlers ehemaliger persönlicher Kameramann)

Bormann gab den führenden Nationalsozialisten eine Anweisung nach der anderen.

〈(Bormanns Stimme, Oktober 1943): „Was den Stand der Rüstung und die Rüstungsindustrie betrifft, so haben die Luftangriffe einige Schwierigkeiten hervorgerufen.“〉

Geliebte

Bormann erteilte dem Reich einen Befehl nach dem anderen. Ununterbrochen wurden Telefonate vermittelt. Doch nicht alle waren dienstlich; gelegentlich rief er offenbar auch seine neue Geliebte an. Was niemand im Hauptquartier wusste, wussten allein die Telefonisten.

„Beide wechselten süße Worte, harmlose Zärtlichkeiten. Frauen hören schließlich gern Komplimente. Bormann lobte sie, und sie schmeichelte ihm ebenfalls. Sie plauderten wie zwei völlig sorglose Liebende.“ (A. Schulz, damals Telefonistin)

Die neue Geliebte war Filmschauspielerin. 〈Dialog aus ‚Susanne im Bade‘, 1936: „Bitte.“ „Wegen der Skizze?“ „Sie zeichnen doch nur Frauen, die Ihnen etwas bedeuten?“〉 Diesmal meinte auch Bormann es ernst.

„Bormann schickte mir gelegentlich Gedichtbände. Er wusste, dass ich gern Gedichte vortrug. Ich dachte, er müsse wohl ebenfalls Gedichte mögen.“ (M. Behrens, ehemalige Geliebte Bormanns)

Bormann erwog, sie offiziell zu heiraten. Nach Hause schrieb er: „Meine geliebte Mutter und Jungfrau. Ich habe mich von ganzem Herzen in sie verliebt. Du weißt doch, was ich mir wünsche? Was bin ich für ein glücklicher Mensch, zweimal eine glückliche Ehe führen zu dürfen! Was hältst du von mir, deinem wunderbaren Ritter? Ich muss jetzt noch viel mehr auf meine Gesundheit achten. Dein Martin.“

Rechtfertigung der Verbrechen

„Mein Vater neigte tatsächlich dazu, die Vielehe gutzuheißen. Ich glaube, diese Neigung war ihm durch den Nationalsozialismus eingeprägt worden. Man war der Ansicht, genetisch hochwertige Deutsche sollten möglichst viele Kinder zeugen, um die Bevölkerungsverluste des Krieges rasch auszugleichen.“ (Bormanns Sohn M. Bormann)

Mit derselben Logik versuchte der kinderlose Hitler, seine Verbrechen zu rechtfertigen.

„Hitler sagte damals: ‚Jeden Tag werden zehntausend Deutsche geopfert. Aber das geschieht, um zu verhindern, dass der verfluchte Kommunismus die europäische Kultur und ihre schöne Landschaft zerstört.‘ Ich möchte die Ausdrücke dieses Mannes nicht oft wiederholen, aber wörtlich sagte er außerdem: ‚Damit die Juden nicht ungestört weiterleben.‘“ (W. Schneider, ehemaliger Leibwächter Hitlers)

Bormann verstand Hitlers Absichten gut. Als ein Parteimitglied ihn nach der Judenfrage fragte, antwortete er: „Die Lösung ist ganz einfach.“

Auschwitz und die anderen Vernichtungslager. Die dort verübten planmäßigen Massenmorde. Darüber zu sprechen war verboten. Offenbar achtete auch Bormann sehr darauf, dieses Geheimnis zu bewahren.

„Eines Tages rief Himmler Bormann an und sagte: ‚Ich habe eine Nachricht, die den Führer freuen wird. Diese Woche wurden in Auschwitz wieder planmäßig 20.000 Juden vernichtet.‘ Dann korrigierte er ‚vernichtet‘ zu ‚deportiert‘. Als Bormann das hörte, brüllte er Himmler an: ‚Warum berichten Sie so etwas am Telefon?‘“ (A. Schulz, damals Telefonist)

Vorzeichen des Untergangs

1943 wurde Bormann zu Hitlers Sekretär ernannt. Der Führer verlangte nach einem treuen Untergebenen ohne Gewissensbisse. Es war ein Vorzeichen des Untergangs.

〈„Deutschland hat einst zu früh die Waffen niedergelegt. Diesen Fehler werden wir nicht wiederholen.“ (Hitlers Stimme)〉

Was die Zukunft bringen würde, spielte keine Rolle.

„Für meinen Vater war Hitler jemand, dem er alles widmen konnte: seine ganze Leidenschaft und sogar sein Leben. Das Wort Hingabe beschreibt es genau. Die Hingabe an Hitler war ihm wichtiger als seine Beziehung zur Familie.“ (M. Bormann, Sohn Bormanns)

Am 20. Juli 1944 wurde ein Attentat auf Hitler verübt. Bormann mobilisierte seinen gesamten Apparat, ließ die Beteiligten nacheinander verhaften und übte grausame Vergeltung. Seine Macht war nun unerschütterlich, und selbst die Wehrmacht stellte kein Hindernis mehr dar. Auch bei der Hochzeit der Schwester von Hitlers Geliebter Eva Braun war Bormann Trauzeuge. Der Reichsführer SS Himmler war ebenfalls dabei. Himmler war der letzte Mann, der noch zwischen Hitler und Bormann stand. Doch als Oberbefehlshaber der außerhalb des Landes eingesetzten Truppen erlitt Himmler wiederholt Niederlagen, und seine Macht schwand rasch.

„Niemand anders als Bormann füllte die Lücke, die Himmler hinterlassen hatte. Natürlich mischte er sich nun auch aktiv in militärische Fragen ein und nahm immer häufiger an Lagebesprechungen teil. Das war 1944 und 1945.“ (B. F. v. Loringhoven, ehemaliger Offizier des Dritten Reiches)

Im März 1945 war Bormann zur unangefochtenen Nummer 2 des Reichs aufgestiegen. Doch es war viel zu spät. Niederlage und Zusammenbruch des Dritten Reichs waren inzwischen unausweichlich. Als einziger Weg blieb der gemeinsame Untergang mit Hitler. Welche Hoffnung auf die Zukunft mag Bormann in diesem Augenblick noch gehabt haben?

„Im März schrieb ich meinem Vater in Berlin einen Brief. Ich wollte wissen, ob er noch glaubte, diesen Krieg gewinnen zu können. Nach einiger Zeit kam eine kurze Antwort: ‚Auch ein sterbender Löwe kann noch einen letzten Schlag führen.‘“ (M. Bormann, Sohn Bormanns)

Die sowjetischen Truppen näherten sich Berlin. Bormann gab den Parteimitgliedern einen dringlichen Befehl: „Stellt für den Führer die größtmögliche Kampfbereitschaft her. Jetzt wird sich zeigen, wer fähig und wer unfähig ist. Wer Führungsqualitäten besitzt, wird die höchste Kampfbereitschaft herstellen können.“

„Bormann besaß nicht viel Fachwissen. Deshalb konnte er sich nicht von der Illusion lösen, Hitler werde sie unweigerlich zum endgültigen Sieg führen. Wenn der Führer sagte, sie würden siegen, glaubte er wohl, dass es auch so kommen müsse.“ (A. Schulz, damals Telefonistin)

20. April 1945, Hitlers Geburtstag. Der Fall Berlins ist nur noch eine Frage der Zeit. Auch Bormann hält die Flucht nach Berchtesgaden, wo der Berghof liegt, für den besten Ausweg. Doch der Führer entscheidet, in Berlin zu bleiben. Die Atmosphäre wird immer endzeitlicher.

„Bormann sah schon seit Tagen ausgesprochen schlecht aus. Wohl auch er ahnte inzwischen, dass das Ende nahe war.“ (R. Misch, damals Funker im Führerhauptquartier)

Das Innere von Hitlers Bunker, kurz vor seiner Zerstörung aufgenommen. Hitler hatte bereits aufgegeben. Der Betonbunker wirkte wie ein Sarg für die Ambitionen des Führers. Auch Bormann hielt seine Gedanken fest: „Mit dem Führer sind wir aufgestanden, mit ihm fallen wir und folgen ihm bis in den Tod.“

„Die Aussichten wurden immer düsterer. Man sprach nur noch vom Sterben. Sollte man sich in den Kopf schießen oder Gift nehmen? Alle überlegten ernsthaft, wie sie ihr Ende finden sollten. Tatsächlich besaßen die meisten eine Zyankalikapsel für den Selbstmord.“ (B. F. von Loringhoven, ehemaliger Offizier des Dritten Reiches)

Hitlers Ende

Auch Bormann hatte die Hoffnung auf eine Zukunft bereits aufgegeben. Es gibt Hinweise, dass er seiner Sekretärin befahl, seine Frau und seine Kinder zu töten und mit in den Tod zu nehmen.

„Der Sekretär Helmut von Hummel setzte meine Mutter, uns Geschwister und die anderen evakuierten Kinder in einen Bus und brachte uns nach Südtirol. Dass meine Mutter, wir Kinder und die anderen überlebten, verdanken wir allein ihm.“ (M. Bormann, Sohn Bormanns)

Berlin war eingeschlossen, überall floss Blut. Als Bormann erfuhr, dass Himmler mit den Alliierten über Frieden verhandelte, schrieb er in sein Tagebuch: „Auf Kosten des Führers zu Verhandlungen zu laufen! Ist Ehre für diese Leute gleichbedeutend mit Verrat?“

„Eines Tages erschien Hermann Fegelein nicht zur militärischen Lagebesprechung. Er war ein Mitarbeiter Bormanns und Eva Brauns Schwager. Der Nachrichtendienst suchte ihn zu Hause und anderswo, fand ihn aber nicht. Als die Männer mit leeren Händen zurückkehrten, brüllte Bormann: ‚Sofort verhaften und herbringen!‘“ (R. Misch, damals Funker im Führerhauptquartier)

Fegelein wurde in Zivil, betrunken und in Begleitung einer Frau gefunden, die nicht seine Ehefrau war. In seinem Gepäck lagen ausländisches Geld und Goldmünzen. Seine Absicht, sich abzusetzen, war offenkundig. Er wurde sofort in den Bunker zurückgebracht.

„Ich sah, wie Fegelein in den Keller geführt wurde. Vor ihm gingen zwei SS-Männer und hinter ihm ebenfalls zwei. All die vielen Orden und Auszeichnungen, die er im Krieg erhalten hatte, waren ihm abgerissen worden.“ (B. F. v. Loringhoven, ehemaliger Offizier des Dritten Reichs)

Fegelein wurde hingerichtet. Unmittelbar danach rief Hitler seine Sekretärin und diktierte ihr sein Testament.

„Damals war an Hitler keine Lebenskraft mehr zu spüren. Sein einst so durchdringender Blick war verschwunden. Vor uns stand nur noch ein von Verzweiflung gebrochener Mann.“ (T. Junge, ehemalige Sekretärin Hitlers)

Hitler hinterließ folgendes Testament: „Mein Besitz gehört der Partei. Sollte die Partei nicht mehr bestehen, gehört er dem Staat. Sollte auch der Staat untergegangen sein, braucht mein Wille nicht mehr beachtet zu werden. Zum Testamentsvollstrecker bestimme ich das treueste Parteimitglied, Martin Bormann.“ Karl Dönitz wurde zum Nachfolger des Führers ernannt, Bormann zum Parteichef der NSDAP. Der Schatten des Führers wurde schließlich doch nicht selbst zum Führer. Im Bunker erlebte Bormann das Ende seines Herrn mit.

Was Bormann verlor

„Hitlers Selbstmord zeigte, dass er selbst nicht an den Endsieg glaubte und sich feige seiner Verantwortung entzog. Erst da scheint auch Bormann begriffen zu haben, dass er einem großen Irrtum aufgesessen war und dafür sein Leben geopfert hatte.“ (A. Schulz, damals Telefonist)

Doch alles kam zu spät.

„Bormann schien Angst zu haben. Anders als früher äußerte er sich nicht mehr von sich aus. Gegenüber den Offizieren, zumindest gegenüber Goebbels, sagte er nichts mehr.“ (R. Misch, damals Funker im Führerhauptquartier)

Bormann war bereits nur noch eine leere Hülle.

‹(Stimme Karl Dönitz’) „Soldaten der deutschen Wehrmacht! Unser Führer Adolf Hitler ist tot. In Trauer und Ehrfurcht senkt das deutsche Volk sein Haupt.“›

Doch statt um Hitlers Tod zu weinen, kämpften die Menschen verzweifelt ums Überleben. Bormann ging es ebenso.

„Der Feigling Bormann versuchte irgendwie aus dem Bunker herauszukommen und zu überleben. Die Befehle und Worte des Führers an uns lauteten, mutig bis zum Ende zu kämpfen. Diesen Worten folgend starben viele Menschen. Doch Bormann setzte sich über all diese Opfer hinweg und wollte nur irgendwie seine eigene Haut retten.“ (A. Lehmann, damals Melder im Führerhauptquartier)

Am 2. Mai 1945 waren die sowjetischen Truppen bis auf 90 Meter an die Reichskanzlei herangerückt. Bormanns letzte Notiz lautete: „Ausbruchsversuch“.

„Bormann stand vor der endgültigen Niederlage. Doch er hatte keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Mit Panzern oder ähnlichen Mitteln hätte er vielleicht noch entkommen können. Aber er hatte nichts dergleichen geplant.“ (R. Misch, damals Funker im Führerhauptquartier)

Gegen zwei Uhr morgens krochen vier Männer, darunter Bormann, aus einem Kellerfenster. Sie erreichten die Weidendammer Brücke, konnten aber nicht weiter. Bormann gab auf, zerbiss eine Zyankalikapsel und nahm sich dort das Leben.