Rudolf Heß
Rudolf Hess – Rätselhafter Tod, Held der Neonazis
Am 10. Mai 1941 griffen etwa 500 deutsche Bomber London an. Ein halbes Jahr zuvor war die Luftwaffe mit dem Versuch gescheitert, Großbritannien aus der Luft niederzuringen. Nun schickte sie eine große Formation, um sich zu revanchieren. Am selben Tag flog noch ein anderes Flugzeug von Deutschland nach Großbritannien. Am Steuer saß Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers. Doch er wusste nicht, dass er von diesem Tag an für immer ein Gefangener sein würde. Und dass Neonazis ihn Jahrzehnte später zu einer Legende machen würden.
(W. R. Heß, Sohn von Rudolf Heß): „Mein Vater sagte zu Lebzeiten, dass er das Treiben der Neonazis keinesfalls unterstütze. Es sei falsch und schade Deutschland nur. Statt sich darüber zu freuen, dass die Neonazis ihn als Helden verehrten, bezeichnete er sie als Dummköpfe.“
(Heß’ Rede vor Hitler): „Unser Führer ist Deutschland selbst. Wenn der Führer handelt und entscheidet, folgt ihm das Volk bedingungslos.“
T. Le Tissier, damals Direktor des Gefängnisses Spandau: „Hess zeigte hinsichtlich seiner Vergangenheit und der Taten der Nationalsozialisten keinerlei Einsicht oder Reue. Bis zu seinem letzten Atemzug blieb er starrsinnig und rechtfertigte sich immer nur selbst. Deshalb war er für mich kein sympathischer Mensch.“
(Hitlers damaliger Adjutant R. Spitzy) „Schon als er noch in Hitlers Nähe war, hielt ihn seine Umgebung für einen ziemlichen Sonderling. Er sagte gelegentlich merkwürdige Dinge und neigte zu Träumereien. Zeitweise vertraute er dubiosen Kräuterheilkundigen und war von Diäten besessen.“
(Heß spricht vor Hitler.) „Die Partei ist Hitler. Hitler und Deutschland sind stets eins. Sieg Heil.“
Kindheit und Jugend
〈Alexandria, Ägypten〉
Rudolf Heß wurde 1894 in Alexandria in Ägypten geboren. Beide Eltern waren sehr patriotische Deutsche. Sein Vater war ein erfolgreicher Kaufmann, und die Familie lebte ausgesprochen wohlhabend. Die Mutter begegnete Rudolf stets liebevoll. Der Vater hingegen war streng und duldete keinen Widerspruch.
(S. Kamora, ein Jugendfreund von Heß): „Die Familie Heß legte großen Wert auf ihren Stolz als Deutsche und ihre Vaterlandsliebe. Das Haus und die Lebensweise wirkten durch und durch deutsch. Besonders der patriarchalische Vater hatte an der Stirnwand seines Büros ein Porträt Kaiser Wilhelms II. aufgehängt. Am Geburtstag des Kaisers wurde Wein geöffnet, und alle beteten für seine Gesundheit.“
Auf Wunsch des Vaters verbrachte die Familie Hess jeden Sommer in ihrem deutschen Ferienhaus. Der Vater hatte bestimmt, dass sein ältester Sohn Rudolf sein Nachfolger werden sollte, ohne auch nur nach dessen Willen zu fragen. Rudolf, der keinen Widerspruch kannte, erkannte schließlich, dass er sich nicht zum Kaufmann eignete, und litt darunter.
(Heß’ Schwägerin I. Pröhl): „Auf Anweisung seines Vaters absolvierte er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr eine kaufmännische Ausbildung in Hamburg. Schließlich widersetzte er sich aber den Wünschen seines Vaters und wählte seinen eigenen Weg.“
Auch die Zeitumstände begünstigten Rudolf. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ordnete der deutsche Kaiser die Mobilmachung an. Er überzeugte sein Umfeld, dass es sinnvoll sei, sich freiwillig zu melden, selbst gegen den Willen seines Vaters. Der von Kindheit an patriotisch erzogene junge Mann fand auf dem Schlachtfeld eine nie gekannte Freude.
Heß diente in einem Infanterieregiment an der Westfront. Er kämpfte so tapfer, dass er ausgezeichnet wurde. Mit zwanzig Jahren war er vom Krieg fasziniert. In verherrlichenden Briefen an seine Eltern schrieb er, die brennenden Dörfer seien von ergreifender Schönheit.
Doch dann kam die Niederlage. Heß verlor seinen Halt und suchte an der Universität München nach Orientierung. Dort lernte er Professor Haushofer kennen, dessen Geopolitik und Lebensraumkonzept später die nationalsozialistische Ideologie beeinflussen sollten. Hitler kannte er damals noch nicht. Die Abdankung des deutschen Kaisers während der Revolution von 1918 erschütterte Heß zutiefst.
〈Durch die Revolution von 1918 empfand ich erstmals Hass auf die Juden. Die Revolution war ihre Verschwörung.〉
Bedingungsloser Gehorsam gegenüber Hitler
Hess’ nationalistisches Denken führte ihn schon bald zu Hitler. 1920 schwor er Adolf Hitler bedingungslosen Gehorsam. Er war das 16. Parteimitglied. In der Frühzeit der NSDAP bemühte sich Hess unermüdlich um die Vergrößerung der SA. Die frühen Nationalsozialisten wollten die Macht mit Gewalt ergreifen. Für Hess wurden die Straßenkämpfe zu einer großen Bühne, die das Schlachtfeld ersetzte. Er galt als verwegen und gefiel Hitler. Bei den nationalsozialistischen Zeremonien zu Ehren der Toten schritt er stets in der ersten Reihe.
Hitlers Stimme: 〈Die Soldaten, die bei den frühen Unruhen ihr Leben ließen. Ohne ihre Hingabe hätte Deutschland keine Zukunft gehabt.〉
Das erste Ereignis mit zahlreichen Opfern war der Münchner Putsch von 1923. Der Staatsstreich scheiterte, und auch Heß wurde als einer der Anführer verhaftet.
„Hess und meine Schwester Ilse waren Gesinnungsgenossen. Deshalb gelang es meiner Schwester und mir, ihn im Gefängnis Landsberg zu besuchen. Es war trotz allem ein recht angenehmer Ort, und im Besuchszimmer konnte man sich in Ruhe unterhalten. Auch die Polizisten, die Wache hielten, waren nachsichtig und dösten manchmal in einer Zimmerecke.“ (I. Bröhl, jüngere Schwester von Hess’ Frau Ilse)
Im Gefängnis erhielt Heß unerwartet Zeit für Gespräche mit seinem verehrten Führer Hitler. Er übernahm die Niederschrift von Hitlers diktiertem „Mein Kampf“. Seiner Geliebten Ilse schrieb er: „Ich verehre und liebe ihn mehr als je zuvor.“
Die Nazis nahmen ihre Tätigkeit wieder auf und nährten sich von den Ängsten der Zeit. Nach seiner Freilassung lehnte Heß Stellenangebote ab und widmete sich ganz dem Wiederaufbau der Partei. Sein neuer Titel lautete persönlicher Sekretär Hitlers. Bei jeder Kundgebung und Parade stand damals hinter Hitler Heß, der zu seinem Führer aufblickte.
„Heß hielt an seinem absoluten Gehorsam gegenüber Hitler mit geradezu törichter Geradlinigkeit fest. Für ihn war der Führer Hitler lebenslang Lehrer und heiliger Erlöser.“ (E. Hanfstaengl, Sohn von Hitlers Presseberater)
Die Heirat mit Ilse
1927 heiratete Heß Ilse, die seit acht Jahren seine Geliebte und politische Weggefährtin war.
„Meine Schwester und Heß waren beide zurückhaltend. Sie ließen sich nicht von Leidenschaft hinreißen und hatten es mit der Heirat nicht eilig. Doch ihr Umfeld riet ihnen, in diesen unsicheren Zeiten bald zu heiraten.“ (I. Bröhl, jüngere Schwester von Heß’ Frau Ilse)
Trauzeuge war Hitler. Seine Frau, selbst Parteimitglied, zeigte Verständnis für die Hingabe ihres Mannes an Hitler. Bald trafen Nachrichten von ihrem umherreisenden Mann ein.
„Ist es Traum oder Wirklichkeit? Ich sitze jetzt mit Hitler im Arbeitszimmer der Reichskanzlei.“ 〈Januar 1933: Bildung des Kabinetts Hitler〉
Damals wurde Heß zum Stellvertreter des Führers ernannt.
Das untadelige Aushängeschild der Partei
〈Film „Das Wort aus Stein“, 1939: Das marschierende Deutschland erneuert die Stadt München.〉
Ein Bauboom setzte ein. Die gewaltige Parteizentrale, die in München entstand, schien den Größenwahn der Nationalsozialisten zu verkörpern.
〈März 1933: Das Ermächtigungsgesetz wird verabschiedet. Hitler entmachtet das Parlament.〉
Die Gewerkschaften wurden aufgelöst, regimekritische Bücher verbrannt. In einer von Unterdrückung und Gewalt geprägten Gesellschaft breiteten sich allmählich Widerstandslosigkeit und Gehorsam aus. Das Musterbeispiel des Gehorsams war der Stellvertreter des Führers selbst. Doch der Einfluss von Hitlers treuem Diener Heß begann nun langsam zu schwinden.
„Als Stellvertreter des Führers schien Heß innerhalb des Nationalsozialismus unmittelbar hinter Hitler zu stehen. Tatsächlich aber nahmen nach Hitlers Machtübernahme das Gewicht der Parteibasis und der Einfluss der Partei ständig ab. Hitler konnte den deutschen Staat auch regieren, ohne sich allzu sehr auf die Partei zu stützen. Manche seiner Vertrauten betrachteten die NSDAP nur noch als Gesangsverein zur Anheizung des Führerkults.“ (R. Spitzy, damals Hitlers Adjutant)
Als Hitler ungeheure Macht auf sich vereinte, verlangten manche Mitstreiter, anders als der treue Heß, ihren Anteil daran. Am unverhohlensten tat dies der SA-Führer Röhm. Als alter Weggefährte duzte er Hitler. Doch 1934 wurde Röhm als angeblicher Verräter erschossen.
‹„Die SA hat dem Führer stets die Treue gehalten. Auch der Führer begegnet ihr mit Aufrichtigkeit. Die Schuldigen sind bestraft. Das Verhältnis zwischen SA und Führer bleibt unverändert.“ (Anmerkung: Worte von Heß.)›
Ein erbittertes Machtspiel. Der Titel „Stellvertreter des Führers“ klingt glänzend, doch Heß wird zunehmend überholt. Hitler braucht fähige Verwaltungsexperten. Heß ist seinem Wesen nach jedoch ein Parteiaktivist. Am liebsten begeistert er die Massen für die Ideale der Partei, wie etwa in dieser Rede an Deutsche im Ausland.
„Ihr vielen, die ihr hier versammelt seid, gehört zum großen deutschen Volk. Die Kraft der deutschen Volksgemeinschaft reicht über die Grenzen hinaus. Ihr werdet das beweisen. Deutschland wird weiter voranschreiten. Mit Adolf Hitler.“ (Anmerkung: Rede von Heß)
Heß auf der Bühne strahlte beinahe religiöse Inbrunst aus.
„Wir leisten nun den Eid. Wir schwören Adolf Hitler unverbrüchliche Treue. Dem Führer und den von ihm bestimmten Führern schwören wir unbedingten Gehorsam.“
„Heß war ein nützliches Aushängeschild der Partei. Niemand war so ausschließlich auf Hitler ausgerichtet und so frei von Hintergedanken wie er. Ein gewöhnlicher, aber treuer Diener war von großem Nutzen.“ (R. Spitzy, damals Hitlers Adjutant)
Im Vergleich zu anderen Vertrauten, die sich mit einem Gefolge umgaben und bereicherten, war Heß tatsächlich unbestechlich. Er lebte so bescheiden, dass man es kleinbürgerlich nennen konnte. Er trank und rauchte nicht; außer zu Anlässen wie dem Geburtstag seines Sohnes empfing er selten Besuch. Auf einer Seite des Gästebuchs steht die Unterschrift Adolf Hitlers.
Die Kristallnacht, von der er nichts wusste
〈9. November 1938, „Kristallnacht“: Als Vergeltung für die Ermordung eines deutschen Diplomaten griff die SA Juden an.〉
„Es war der erste Geburtstag seines Sohnes. Die Feier war vorbereitet, und wir warteten darauf, dass alle zusammenkamen. Ich erinnere mich, wie er mit düsterer Miene ins Zimmer trat. Er war blass. Alle machten sich Sorgen und fragten nach dem Grund. So erfuhren wir von den Übergriffen auf die Juden. Doch warum er verstimmt war, wurde rasch deutlich: Er war entsetzt, dass dies geschehen war, ohne ihn zu informieren.“ (H. Fath, damals Heß’ Privatsekretärin)
Doch Hess war keineswegs unbeteiligt an der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Jedes Mal, wenn ein rassistisches Gesetz verabschiedet wurde, setzte er als Kabinettsmitglied seine Unterschrift darunter. Jüdischen Ärzten und Anwälten wurde die Berufsausübung verboten. Für polnische Juden wurden besonders strenge Strafen eingeführt.
„Hess war ein vollwertiger Mittäter der nationalsozialistischen Verbrechen jener Zeit. Denn er stand der Partei völlig kritiklos gegenüber und wollte auch seinem Umfeld keine Kritik erlauben. Seine Treue zu Hitler blieb unverändert, selbst als der Führer ihn kaum noch beachtete. Sie wurde im Gegenteil auf unheimliche Weise immer reiner.“ (A. Hamburger, damaliger Teilnehmer an Parteitagen)
Je seltener Heß Gelegenheit erhielt, Hitler zu sehen, desto häufiger klagte er offenbar über körperliche Beschwerden. Als der deutschfreundliche Herzog von Windsor aus Großbritannien zu Besuch kam, glaubte Heß, damit sei die Freundschaft mit Großbritannien begründet. Doch die Deutschlandfreunde bildeten dort nur eine Minderheit. Heß konnte die Wirklichkeit hinter den diplomatischen Beziehungen nicht erkennen. Hitler verließ sich in der Außenpolitik nicht auf Freundschaft. Mit Kriegsdrohungen presste er den europäischen Staaten weitreichende Zugeständnisse ab.
〈September 1938, Münchner Abkommen: Deutschland erreichte die Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und Italiens zur Abtretung des Sudetenlandes.〉
„Mein Schwager Heß war ein Mensch, der oft unter starker nervlicher Anspannung stand und manchmal **** wirkte. (Anmerkung: unverständlich.) Er achtete auf seine Gesundheit und führte jeden Abend regelmäßig eine besondere Erholungsübung durch. Nach dem Abendessen legte er sich ganz ausgestreckt aufs Bett und bewegte sich etwa 15 Minuten lang überhaupt nicht. Danach war er wie verwandelt und wieder voller Energie.“ (I. Bröhl, Schwester von Heß’ Frau Ilse)
Herabstufung
Als sich der Schatten des Krieges näherte, beteiligte sich Heß kaum noch an der Regierung und lebte praktisch zurückgezogen. Der Stellvertreter des Führers beteuerte seinen Friedenswillen – vermutlich ohne die wahren Absichten des Führers zu kennen.
„Der Führer hat seinen Friedenswillen wiederholt öffentlich bekundet. Sein fester Wille wird die Nachbarländer wachrütteln und gewiss Früchte tragen. Auch die Soldaten an der Front erheben ihre Stimme für den Frieden.“ (Anm.: Rede von Heß)
〈September 1939: Deutscher Überfall auf Polen – Beginn des Zweiten Weltkriegs〉
Hitlers Plan ging auf. In einem blitzartigen Feldzug überrollte die Wehrmacht ganz Polen. Mit Kriegsbeginn machte Hitler eine wichtige Erklärung zur Rangfolge innerhalb der Partei.
„Sollte mir etwas zustoßen, ist Göring mein Nachfolger. Nach ihm kommt Heß.“ (Anm.: Hitlers Stimme)
Für den Stellvertreter des Führers kam dies einer Degradierung gleich.
〈Mai 1940: Angriff auf Frankreich, Unterwerfung in sechs Wochen〉
Auch Hitler, der Frankreich mühelos besiegt hatte, zögerte bei der Strategie gegen Großbritannien. Er wollte die Möglichkeit von Friedensverhandlungen offenhalten.
„Deutschland hat Großbritannien wiederholt seine Freundschaft gezeigt. Freundschaft kann nicht nur von einer Seite kommen.“
Die glänzenden Anfangserfolge hatten Hitlers Selbstvertrauen gestärkt. Um Churchill zum Frieden zu zwingen, begann die deutsche Luftwaffe mit Angriffen auf Großbritannien. Doch die Erwartung, der Gegner werde rasch einlenken, erfüllte sich nicht. Der Kampf gegen Großbritannien wurde zur Belastung für die deutschen Streitkräfte.
„Eines Tages war Heß zum Essen in die Reichskanzlei eingeladen. Gegen Ende der Mahlzeit kam ein Mitarbeiter Hitlers herein und meldete: Die Engländer sind nicht bereit, darauf einzugehen. Damals verstand ich nicht, worum es ging; vermutlich um Friedensverhandlungen. Hitler sagte: Na ja, ich kann ja wohl kaum selbst hinfahren und zu Kreuze kriechen. Heß hörte diese Worte.“ (R. Misch, damals Soldat in Hitlers Hauptquartier)
Die Suche nach Frieden – endgültiger Abschied von Hitler
Als die Gespräche in der Reichskanzlei nur noch um militärische Fragen kreisen, besucht der einsame Heß seinen Lehrer, Professor Haushofer. Dieser hatte ihm das Konzept des Lebensraums vermittelt. Worüber sie sprechen, bleibt unbekannt. Doch plötzlich beschließt Heß, allein nach Großbritannien zu fliegen und einen Weg zum Frieden zu suchen. Ohne Hitlers Erlaubnis wäre das Hochverrat. Seinen Entschluss verrät er niemandem.
„Er diktierte mir ein Redemanuskript. Deshalb wusste ich, dass er Kontakt zu einer wichtigen Persönlichkeit in Großbritannien aufnehmen wollte. Ich hätte gern gewusst, wie er das anstellen wollte. Doch als das Diktat beendet war, sagte Heß, ich dürfe über dieses Manuskript unter keinen Umständen etwas verraten.“ (L. Schröder, damals Sekretärin von Heß)
Hess besuchte ein Rüstungswerk und versuchte, ein Flugzeug zu bekommen. Seine eigentliche Absicht hielt er selbstverständlich streng geheim.
„Der Stellvertreter des Führers, Heß, sagte, er wolle dem Führer beweisen, dass er auch als Soldat der Luftwaffe nützlich sei. Dafür wolle er einen etwas längeren Flug unternehmen und bitte uns, ihm eine Maschine zu beschaffen. Wir hatten keinen Grund, das abzulehnen. Also trafen wir die Vorbereitungen, ohne Verdacht zu schöpfen.“ (F. Voss, damals Testpilot)
〈4. Mai 1941〉 Am 4. Mai 1941 trat der Stellvertreter des Führers Heß zum letzten Mal öffentlich auf.
„Mit diesem beispiellosen Sieg im Südosten hat der Führer Churchill Vergeltung zuteilwerden lassen.“
Nach seinem Scheitern im Krieg gegen Großbritannien plante Hitler einen Monat später die Invasion der Sowjetunion – eine Wende um 180 Grad. Heß traf ihn noch einmal in der Reichskanzlei. Sie sprachen vier Stunden miteinander, doch Heß’ Plan blieb unentdeckt. Ahnte er, dass dies sein endgültiger Abschied vom Führer Hitler sein würde?
Alleinflug nach Großbritannien
Am 10. Mai 1941 unternahm Heß seinen Alleinflug nach Großbritannien. Sein Ziel war der Landsitz des Herzogs von Hamilton in Schottland. Er hatte den Herzog lediglich bei den Olympischen Spielen in Berlin kennengelernt; eng befreundet waren sie nicht. Dennoch hoffte Heß, der Herzog werde seine Absichten der britischen Regierung übermitteln. Ironischerweise leitete Hamilton die Luftverteidigung Schottlands. Doch Heß hatte Glück: Er entging den Abfangjägern, schüttelte seine Verfolger ab und erreichte sein Ziel.
„Wir entdeckten die feindliche Maschine, mussten aber aufgeben, weil sie in unerreichbarer Höhe mit großer Geschwindigkeit vorbeiflog. Da es nur ein einziges Flugzeug war, dachten wir allerdings, es werde keinen großen Schaden anrichten.“ (S. Johnston, damals britische Luftabwehr)
Heß sprang entschlossen in eine ungewisse Zukunft. Sein Fallschirm brachte ihn nur wenige Kilometer vom vorgesehenen Ziel entfernt zu Boden. Hitler befand sich zu dieser Zeit auf seinem Landsitz. Dort wurde ihm Heß’ Abschiedsbrief überbracht.
„Hitler war sprachlos: Warum um alles in der Welt hatte ausgerechnet Heß so etwas getan? Er hatte alle in helle Aufregung versetzt. Niemand wusste, was geschehen war oder wie man reagieren sollte. Auch über Heß’ Schicksal wussten wir nichts, bis Informationen aus England durchsickerten.“ (R. Misch, damals Soldat im Führerhauptquartier)
Heß’ abgestürztes Flugzeug. Gleich nach seiner Entscheidung zur Landung ging seine Rechnung gründlich fehl. Eine örtliche Milizeinheit nahm ihn fest und sperrte ihn ein. Heß gab einen falschen Namen an und bat um ein Treffen mit dem Herzog von Hamilton.
„Der Herzog von Hamilton und seine Begleiter trafen um Mitternacht ein. Ich führte sie zu dem Mann, den ich bewachte, und zog mich zunächst zurück. Aber ich war so neugierig, dass ich einen Handspiegel über die Tür hielt und das Geschehen beobachtete. Ich ahnte, dass es sich um eine hochrangige Persönlichkeit handelte und ein bedeutendes Gespräch bevorstand. Dieser Mann, also Heß, richtete seinen Oberkörper im Bett auf und redete unablässig.“ (R. Shaw, damals britischer Sicherheitsoffizier)
London am folgenden Tag. Etwa zur Zeit von Heß’ Ankunft hatte die deutsche Luftwaffe einen schweren Luftangriff geflogen. In der Stadt herrschte Chaos. Churchill war ganz mit den Gegenmaßnahmen beschäftigt und noch nicht einmal über den Vorfall in Schottland informiert.
„Mein Vater suchte Premierminister Churchill auf und berichtete ihm alles. Churchill soll erstaunt gefragt haben: Wollen Sie sagen, dass der Stellvertreter dieses Führers Hitler jetzt hier festgehalten wird? Mein Vater erklärte, der Mann habe sich als Rudolf Hess vorgestellt. Aber Churchill sagte: Ob das stimmt oder nicht, ich gehe jetzt einen Film ansehen. Dann ging er fort.“ (J. Hamilton, Sohn des Herzogs von Hamilton)
Scheitern – Selbstmordversuch
Unterdessen wurde in Hitlers Berghaus endlos über Gegenmaßnahmen beraten. Wie würden die Alliierten Heß’ Handeln deuten? Hitler beschloss, sich von ihm loszusagen.
〈„Am Samstag, dem 10. Mai, gegen 18 Uhr flog Parteigenosse Hess allein ab und ist bis heute nicht zurückgekehrt. Nach dem verworrenen Inhalt seines hinterlassenen Briefes zu urteilen, leidet er bedauerlicherweise an geistiger Verwirrung. Der Führer gab unverzüglich den Befehl, Hess’ Adjutanten zu verhaften.“〉 (Anmerkung: Ton einer Rundfunknachricht)
„Nach dem Vorfall wurden wir von der Gestapo festgehalten. Dabei zeigte man uns seinen Brief. Vielleicht war es nicht das Original, sondern eine Abschrift – jedenfalls war es sein Abschiedsbrief an den Führer. Darin stand eine bewegende Passage: Bitte ziehen Sie wegen dieser Angelegenheit meine Untergebenen, meinen Adjutanten, meinen Fahrer und die anderen nicht zur Rechenschaft. Heß hatte Sorge, dass der launenhafte Zorn des Führers seine Mitarbeiter treffen könnte.“ (H. Fath, damals Privatsekretär von Heß)
Heß wurde nach London gebracht. Doch dieser unangekündigte Besucher war für Großbritannien unbequem. Churchill fürchtete mit Blick auf die sowjetische Regierung den Eindruck, er verhandele mit NS-Deutschland. Die Regierungschefs auf beiden Seiten des Kanals ließen Heß fallen.
〈Juni 1941: Die Wehrmacht greift die Sowjetunion an. Der Zweifrontenkrieg beginnt.〉
Nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges verschwand die Angelegenheit Heß aus Hitlers Gedanken. Der freigewordene Posten des Stellvertreters des Führers wurde nicht neu besetzt. Hitler brauchte keinen Stellvertreter mehr. Heß’ bisheriger Untergebener Martin Bormann stieg zu einem wichtigen Vertrauten des Führers auf.
(Der ehemalige Rüstungsminister Speer, rückblickend): „Der Führer wollte Heß im Fall seiner Auslieferung sofort wegen Hochverrats anklagen und hinrichten lassen.“
Ein Brief, den Heß aus der Haft an Hitler schrieb. Er räumte darin sein Scheitern ein. Von der Frage gequält, was er falsch gemacht hatte, unternahm Heß einen Selbstmordversuch.
Nürnberger Prozess und Zeugenaussagen
‹Nürnberg›
Vier Jahre später lag Deutschland in Trümmern. In der Stadt, in der einst die Reichsparteitage stattgefunden hatten, stellten die Alliierten Hitlers Vertraute vor ein Kriegsverbrechergericht. Für Heß waren diese vier Jahre nahezu eine Leerstelle gewesen.
„Keiner der Angeklagten wirkte noch wie eine einstige Größe. Sie sahen erbärmlich aus. Von den Männern, die das Land beherrscht hatten, war nichts geblieben. Alle waren mager und wirkten eingeschüchtert.“ (S. von Paczensky, damals Prozessbeobachterin)
Auch Heß wird vor diesem Gericht als Kriegsverbrecher angeklagt.
„Es besteht die Möglichkeit, dass der Angeklagte nicht verhandlungsfähig ist.“ (Anm.: Tonaufnahme aus dem Gericht)
Zunächst behauptete Heß wahrheitswidrig, unter Gedächtnisverlust zu leiden. Doch zwei Wochen später änderte er plötzlich seine Haltung.
„Der Ansicht, ich sei nicht verhandlungsfähig, widerspreche ich selbst. Meine Behauptung, das Gedächtnis verloren zu haben, war absichtlich.“ (Anmerkung: Heß’ Aussage vor Gericht)
Schließlich wurde Hess zu lebenslanger Haft verurteilt.
„Im Rückblick war das Urteil gegen Heß vielleicht zu hart.“ (W. Jackson, damals amerikanischer Ankläger)
Hess’ letzte Aussage nach dem Urteil.
„Ich durfte lange Jahre meines Lebens unter dem größten aller Männer verbringen, unter dem gewaltigsten Helden, den die deutsche Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich noch einmal beginnen könnte, würde ich diese Zeit nicht auslöschen wollen. Mit Freude sage ich: Ich habe meine Pflicht erfüllt. Als Deutscher, der sein Land liebt. Als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann des Führers. Ich bereue nichts.“
Der einsame letzte Häftling
〈Gefängnis Berlin-Spandau〉
In der Haft verschloss sich der ehemalige Stellvertreter des Führers Rudolf Heß noch mehr. Auch mit den gemeinsam mit ihm inhaftierten nationalsozialistischen Spitzenfunktionären pflegte er keinen Umgang.
1966 verließen die ehemaligen hohen Funktionäre, die 20 Jahre Haft verbüßt hatten, das Gefängnis: der frühere Reichsjugendführer der Hitlerjugend Schirach und Albert Speer, Rüstungsminister in der letzten Kriegsphase. Hess war nun der letzte verbliebene Gefangene.
„Als Speer und die anderen nach zwanzig Jahren Haft entlassen wurden, setzten wir uns an verschiedenen Stellen für eine Begnadigung meines Vaters ein. Als er davon erfuhr, schrieb er uns. Neben seinem Dank stand darin: Meine Ehre steht höher als meine Freiheit.“ (W. R. Heß, Sohn von Rudolf Heß)
Bis 1969 verweigerte Heß Besuche seiner Familie. Allein der Erforschung der Tropen widmete er sich mit Begeisterung. Die Jahre vergingen, doch Heß’ Kalender blieb stehen.
„Als er sehr alt geworden war, stellten wir ein modernes Krankenhausbett in sein Zimmer. Seine Höhe ließ sich verstellen, sodass das Aufstehen und Hinlegen leichter wurde. Wir erlaubten ihm auch eine Heizplatte, damit er Essen aufwärmen konnte. Für sein Alter aß er ziemlich viel und äußerte genaue Wünsche zu Speisen und Zubereitung. Salz verwendete er aus Gesundheitsgründen nicht. Er sah auch gern fern, besonders Tennis und Fußball.“ (T. Le Tissier, damals Direktor des Gefängnisses Spandau)
Die ehemaligen Alliierten wechselten sich monatlich bei der Bewachung des Gefängnisses Spandau ab. Strenge Sicherheitsmaßnahmen für einen inzwischen einzigen Kriegsverbrecher.
„Die Zeit seiner Freilassung ist gekommen.“ (Anmerkung: Ton einer Kundgebung.) In Hess’ letzten Lebensjahren wurden auch aus humanitären Gründen die Forderungen nach seiner Begnadigung lauter. Am entschiedensten widersetzte sich jedoch die Sowjetunion seiner Freilassung. 1987 war Rudolf Hess 93 Jahre alt.
„In den letzten Jahren, in denen ich Heß behandelte, hatte er ständig Wünsche oder Beschwerden. Jede noch so kleine körperliche Störung beunruhigte ihn. Immer wieder hieß es, hier tue es weh und dort tue es weh. Eines Tages, als er dreiundneunzig war, hörte er plötzlich auf, sich zu beklagen. Zwei oder drei Monate später nahm er sich das Leben.“ (R. Blank, damals Gefängnisarzt)
Ein rätselhafter Tod
〈17. August 1987: Rudolf Hess stirbt. Am Tag nach seinem Tod sind seine Angehörigen auf dem Berliner Flughafen eingetroffen. Sie wollen mit den Alliierten über die Übergabe des Leichnams sprechen.〉 (Anmerkung: Nachrichtenaufnahmen)
„Ich glaube, mein Vater wurde ermordet und beging keinen Selbstmord. Auch das Motiv lässt sich ungefähr erschließen. Die westlichen Staaten hatten wiederholt Bereitschaft zu seiner Freilassung angedeutet, weil sie damit rechneten, dass die Sowjetunion sie im letzten Augenblick verhindern würde. Doch in den Achtzigerjahren ließ der sowjetische Widerstand nach. Deshalb wollten einige Leute Rudolf Heß noch vor seiner Freilassung beseitigen.“ (W. R. Heß, Sohn von Rudolf Heß)
Der Vorwurf der Angehörigen, es habe sich um Mord gehandelt, erregte großes Aufsehen. Den Abschiedsbrief, den Heß kurz vor seinem Tod geschrieben haben soll, bezeichnet die Familie als Fälschung.
„Der Schreibstil ist anders als früher. Mein Schwiegervater legte Wert auf Form. Dieser Brief ist undatiert und enthält eine Abschiedsformel, die er sonst kaum benutzte. Auch der Inhalt wirft Fragen auf. Ich kann nicht verstehen, dass er kein Abschiedswort an seine geliebten Enkel richtet.“ (Heß’ Schwiegertochter Andrea Heß)
Die Untersuchung des Briefes ergab keinen Beweis für eine Fälschung. Die Familie veranlasste außerdem eine eigene Obduktion und bezweifelt die Erklärung der Alliierten, weil deren Ergebnisse geringfügig davon abweichen.
„Ich habe auf Wunsch der Angehörigen die zweite Obduktion vorgenommen. Aber ich habe meines Wissens nichts geschrieben, das die Mordthese stützen würde. Es fanden sich keine Hinweise auf eine Beteiligung Dritter am Tod von Heß.“ (W. Spann, Professor für Rechtsmedizin)
Als Heß gefunden wurde, lag er mit einem Elektrokabel um den Hals am Boden.
„Der Mann, der es gesehen haben will, berichtet Folgendes: In dem Monat, in dem die Amerikaner Wache hielten, schlichen zwei Männer mit einem Mordauftrag in amerikanischen Uniformen hinein. Am 17. August lauerten sie meinem Vater auf, als er spazieren ging, und erdrosselten ihn mit einem Stromkabel.“ (W. R. Heß, Sohn von Rudolf Heß)
„Rudolf Heß lag auf dem Rücken. Neben ihm standen zwei Männer in Uniform, ein großer und ein kleiner. Beide verhielten sich kühl. Ich halte diese beiden Männer für verdächtig.“ (A. Melaouhi, damals Heß’ Pfleger)
Andererseits gibt es auch diese Aussage.
„Ich glaube, einer der beiden als verdächtig bezeichneten Männer war ich. Denn ich stand damals mit medizinischem Personal neben der aufgefundenen Leiche von Heß. Das dürfte zu dem Missverständnis geführt haben.“ (A. Ahuja, damals amerikanischer Sicherheitsoffizier)
Die Mordthese entwickelt ein Eigenleben – zum Helden der Neonazis
Ohne entscheidende Beweise verlieh die Mordthese dem Leben Rudolf Heß’ einen zusätzlichen Anstrich von Rätsel und Legende.
„Ob dahinter irgendwelche Absichten standen oder nicht: Jedenfalls ist es ein gut gemachtes Rätsel. Für diejenigen, die Rudolf Heß im Gedächtnis der Menschen halten und zum Helden einer Legende machen wollen, könnte es kaum ein passenderes Ende geben.“ (T. Le Tissier, damals Leiter des Gefängnisses Spandau)
Rudolf Heß’ letzter Flug. Doch der Tote findet keine Ruhe. Heute ist er ein Held jener rechtsextremen Jugendlichen, die sich Neonazis nennen. Seine einstigen Reden und seine rätselhaften Handlungen beginnen als Legende ein Eigenleben zu führen.
„Wenn ich noch einmal beginnen könnte, würde ich genauso handeln. Ich bereue nichts.“ (Anmerkung: Hess’ Stimme)
So wie Hess einst einem einzigen Mann in blindem Glauben gefolgt war, entstand nun auch um Hess selbst ein fehlgeleiteter Glaube.






