Heinrich Himmler
Der ängstliche Spitzenfunktionär des Nationalsozialismus, der SS und Polizei führte

Die nationalsozialistische SS: Aus einer kleinen Organisation, die einst nur Hitlers Leibwache gewesen war, machte Heinrich Himmler einen gewaltigen Machtapparat. Er trieb die Deutschen in einen Kampf auf Leben und Tod. Er bestimmte, welche Menschen vernichtet werden sollten, und setzte die Mordkommandos in Bewegung. Dieser scheinbar schwache, stille Mann war der Henker, dem der Führer vertraute.
〈[Bayern, Deutschland]〉
Bayern in Süddeutschland. Heinrich Himmler wuchs in einer Umgebung voller Moral, Ordnung und Bildung auf. Seine Herkunft bietet keinerlei Anhaltspunkt, mit dem sich seine späteren grausamen Vorstellungen und Taten erklären ließen.
Er wurde 1900 in einer deutschen bürgerlichen Familie geboren. Seine Eltern waren gemäßigte Katholiken und legten Wert auf Moral und Anstand. Als Junge besuchte er eine angesehene Schule, aus der zahlreiche Politiker und Wissenschaftler hervorgegangen waren. Seine Eltern scheuten keine Mühe, ihrem Sohn eine gute Bildung zu ermöglichen. Vor allem der Vater, selbst Lehrer, maß der erzieherischen Kraft der Bildung größte Bedeutung bei. In der Schule war Heinrich ein eher unauffälliger Junge, der Geschichte mochte. Ein geistig anregendes, liebevolles Elternhaus. Nirgends findet sich ein Erlebnis, das die Seele des Jungen hätte verbiegen können. Und doch kann ein Mensch sich selbst innerlich verformen und den Weg ins Verbrechen einschlagen. Himmlers Leben sollte zu einem erschreckenden Beispiel dafür werden.
Als der Erste Weltkrieg begann, war Himmler vierzehn Jahre alt. Wie viele Jungen träumte er davon, Offizier zu werden. Für den Fronteinsatz war er aber noch zu jung. Im Juni 1917 beendete er endlich vorzeitig die Schule und meldete sich freiwillig. Kämpfe an der Front erlebte er nie. Noch bevor seine Ausbildung abgeschlossen war, endete der Krieg mit Deutschlands Niederlage. Dass er sich als Soldat nicht hatte bewähren können, blieb für den jungen Heinrich eine Enttäuschung. Danach nistete sich in ihm eine wirklichkeitsferne Sehnsucht nach Krieg und Gewalt ein.
Faszination für Hitlers Charisma
〈1923〉
Beim Münchner Putsch, den Hitler 1923 organisierte, war auch Himmler zu sehen. Ihn zog der offen antisemitische Gedanke an, für den die Nationalsozialisten eintraten.
〈„Rottet die Juden aus. Wir werden die frechen Juden zum Schweigen bringen. Den Verräter Juda zu stürzen und zu vernichten ist unsere heilige Aufgabe.“〉
1926 ist Himmler innerhalb der NSDAP noch eine unauffällige Gestalt. Er ist stellvertretender Führer einer kleinen, der SA unterstellten Organisation: der Schutzstaffel. Sie umfasst kaum mehr als einige Dutzend Männer und dient Hitler als private Leibwache.
〈[1927]〉
Hitler bei einer Rede in Nürnberg 1927. Hinter ihm ist Himmler zu sehen. Seit er dem Führer nun unmittelbar begegnete, verfiel Himmler zunehmend dessen Charisma. Er entwickelte Ehrgeiz und beschloss, auf der Grundlage der kleinen Organisation SS aufzusteigen.
Himmlers Ambitionen
〈[1929]〉
Die erste Chance kam 1929: Himmler wurde Reichsführer SS. Die Organisation zählte etwa 280 Mitglieder. Gemessen an seinen Ambitionen war das noch eine unbedeutende Stellung. Bei einer wenig späteren Kundgebung stand er bereits mit den Funktionären auf der Seite derer, die den Aufmarsch betrachteten. Langsam näherte er sich der Macht.
(T. Junge, damals Hitlers Sekretärin) „So wie ich Himmler in Erinnerung habe, wirkte er irgendwie unsicher und schüchtern. Er war weder der Typ des Soldaten noch des kaltblütigen Befehlshabers. In Auftreten und Aussehen war er ein geradezu ängstlicher Kleinbürger.“
M. Holweg, ehemaliger KZ-Häftling: „Auf den ersten Blick wirkte Himmler wie ein harmloser Mensch, der niemandem etwas zuleide tun würde.“
(M. Bormann Jr., Sohn von Hitlers Vertrautem Bormann) „Er wirkte blass, würde ich sagen, und hinterließ kaum einen Eindruck. Zu den Anwesenden war er wohl recht freundlich.“
E. G. Schenck, damals Arzt der Waffen-SS: „Ich habe überhaupt keinen persönlichen Eindruck von ihm.“
Seit Ende der 1920er Jahre wurden die Machtkämpfe innerhalb der NSDAP immer erbitterter. Himmlers Aufstieg blieb jedoch zunächst weitgehend unbemerkt. Gerade seine Unauffälligkeit war seine Waffe. Einen überlieferten Spruch des preußischen Militärs ließ er als Wahlspruch in seinen Dolch gravieren: 〈Der wahre Wert eines Menschen liegt nicht im Äußeren.〉
Die Säuberung gegen Röhm und die SA
Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis 1933 entbrannte ein Machtkampf, der die bestehenden Verhältnisse erschütterte. Im Zentrum stand Ernst Röhm, der Stabschef der nationalsozialistischen Sturmabteilung. 〈[SA-Stabschef Ernst Röhm]〉Mit drei Millionen Mitgliedern war die SA zu einer Macht geworden, die die deutsche Reichswehr bedrohte. Röhm wollte die Führung des deutschen Militärs übernehmen. Der Reichswehrminister stellte Hitler dagegen vor eine schwierige Wahl: Sollte die reguläre Reichswehr oder die SA das Land verteidigen? Er musste sich für eine von beiden entscheiden. Röhm trat voller Selbstvertrauen auf. Damals hätte wohl nicht einmal Hitler eine Armee von drei Millionen Mann bewegen können. Nach der Farbe ihrer Uniformen nannte Röhm die SA eine braune Volksarmee und sprach von der Notwendigkeit einer weiteren Revolution.
〈„Unsere Organisation besteht unverändert fort. Der Führer hat uns aufgetragen, die Garanten der Revolution zu sein. Auch künftig werden wir unseren Auftrag zuverlässig erfüllen.“〉
Die damaligen Filmaufnahmen zeigen Röhms Popularität als Führungsfigur. Außer Hitler genoss niemand eine solche Verehrung im Volk. Hitler versucht, die SA zu bremsen, beginnt jedoch zunächst mit vergleichsweise gemäßigten Reden.
〈„Männer der SA, der SS und der Hitlerjugend! Die Armee trägt die Waffen des Volkes, aber ihr seid keine Waffenträger. Ihr seid die Träger des politischen Willens des deutschen Volkes. Unser einziges Ziel ist die Wiedergeburt eines großen Deutschland.“〉
Hinter den Kulissen wurde jedoch eine Intrige vorbereitet. Als der Führer die Säuberung gegen seinen alten Weggefährten befahl, beteiligte sich Himmler an den Vorbereitungen. Die SS war Teil der SA, und Röhm war seit Jahren Himmlers Vorgesetzter. Zu Beginn seiner Zeit bei den Nazis hatte Röhm ihn sogar stärker beeinflusst als Hitler. Doch wem er künftig folgen sollte, hatte Himmler bereits berechnet.
〈Juli 1934: SA-Stabschef Röhm wird wegen angeblicher Aufstandspläne hingerichtet〉 Die Säuberung wurde von der SS durchgeführt. Röhm wurde erschossen, ebenso wurden zahlreiche weitere SA-Führer ermordet.
‹[1934] „Ohne Zögern erfüllten wir die uns befohlene Pflicht. Wir stellten die fehlgegangenen Kameraden an die Wand und erschossen sie. Wir werden darüber nie wieder sprechen. Doch wenn der Befehl kommt, werden wir wieder ebenso handeln.“›
〈(Hitler) „Vor einigen Monaten haben wir die bedrohlichen Umtriebe innerhalb der Partei mit entschlossener Haltung beseitigt.“〉
Die Superarmee: Verklärung der SS
Nach der Ausschaltung Röhms stand kein anderer Führer mehr zwischen Himmler und dem Führer. Himmler nutzte die Schwächung der SA, um die SS zur nationalsozialistischen Superarmee auszubauen. Er verlieh ihr eine mystische Ausschmückung, wie sie frühere militärische Organisationen nicht gekannt hatten.
〈„Seit Jahrtausenden errichten unsere Vorfahren auf diesem Burgberg Gotteshäuser. Hier in Quedlinburg lebt der Geist des germanischen Volkes. Dieser Ort ist würdig, zum Heiligtum der Deutschen zu werden.“〉 1936 übernahm Himmler einen römisch-katholischen Dom und bestimmte ihn zum Ort für SS-Zeremonien. Die dort versammelten Führungskräfte schwelgten in der Vorstellung, einem Bund mit einem heiligen Auftrag anzugehören. Heinrich Himmler wollte das Deutschland des 10. Jahrhunderts und den Mythos von Ruhm und Sieg Heinrichs I. wiederauferstehen lassen.
〈„Mit folgender Gewissheit im Herzen schreiten wir unermüdlich voran: Der erhabene Geist und das politische Erbe Heinrichs I. leben in unserem Führer Hitler fort. Für Deutschland, für Germanien geloben wir dem Führer in Gedanken, Worten und Taten grenzenlose Treue.“〉 In diesem Fantasiereich wurde der von den Nationalsozialisten verkündete Nationalsozialismus als geschichtliche Notwendigkeit dargestellt. Himmler, der über dieses Reich herrschte, erklärte die SS zur Elite, die Deutschlands Zukunft erschließen werde. Eine auserwählte Elite: Diese Überzeugung verwandelte die SS allmählich in Träger furchtbarer Gewalt, in Ritter des Nationalsozialismus, die keinen Zweifel kannten.
〈„Nach einem unveränderlichen Gesetz marschieren wir immer weiter: als Ritterorden der nordisch-germanischen Rasse, als dem Nationalsozialismus treu verpflichtete Gemeinschaft, auf dem Weg in die ferne Zukunft, die vor uns liegt.“〉
1934 wurde die SS offiziell von der SA unabhängig. In den folgenden zehn Jahren widmete Himmler seine gesamte Kraft ihrem Ausbau. Seine Ambitionen passten genau zu Hitlers Kriegsplänen. ‹September 1939: Beginn des Zweiten Weltkriegs. Bewaffnete SS-Verbände ziehen gemeinsam mit der Wehrmacht ins Feld.›
Auch unter Hitlers Vertrauten gehörte Himmler zu denen, die den Krieg besonders begrüßten. Er bot ihm die Gelegenheit, seine Macht zu demonstrieren. ‹1940 trat die vollständig ausgerüstete „Waffen-SS“ hervor. Innerhalb eines Jahres wuchs sie auf 110.000 Mann.› Bereits 1936 war Himmler nicht nur Führer der SS, sondern auch Chef der deutschen Polizei geworden. Der Ausbau zum Polizeistaat schritt rasch voran. Die von Himmler beherrschte Polizei richtete ihre Gewalt gegen die Schwachen. Diese Aufnahmen stammen aus dem von der Wehrmacht besetzten Polen. Ein Polizist überreicht einem jungen Mann einen Judenstern. Eine scheinbar alltägliche Szene, die in Wirklichkeit einem Todesurteil gleichkam.
Betrieb der Konzentrationslager
〈„Jüdisches Wohngebiet“〉 Nach Kriegsbeginn entstanden immer mehr Konzentrationslager. Im tschechischen Theresienstadt wurde eine ganze Stadt zum Lager. Juden und andere Menschen, die ins Visier der Nationalsozialisten geraten waren, wurden eingesperrt. Aus der unbezahlten Arbeitskraft erzielte die SS riesige Gewinne. Wenn die Zahl der Überlebenden sank, musste man sie nur ersetzen. Dieses Mädchen weiß noch nicht, was in naher Zukunft geschehen wird.
Himmler genoss das besondere Vertrauen des Führers. Eine Einladung auf den Berghof war das Zeichen, zum engsten Kreis zu gehören. Seine SS war inzwischen zu einem riesigen Machtapparat angewachsen, einem Staat im Staate.
(Hitlers damalige Sekretärin T. Junge): „Bei einem Essen mit seinen Vertrauten sprach Hitler ein einziges Mal über die Konzentrationslager. Soweit ich weiß, war das das einzige Mal, dass Hitler und Himmler vor anderen über die Lager sprachen. Hitler lobte sie als wirklich gut eingerichtete Anlagen mit einem ausgeklügelten System zur Umerziehung der Menschen. Als Beispiel wandte er sich an Himmler: Für den Brandschutz im Lager sei doch ein gewohnheitsmäßiger Brandstifter zuständig? Himmler antwortete sofort und voller Stolz, dann brauche man ja keine Brandstiftung mehr zu befürchten. Die Zuhörer waren sehr beeindruckt. Obwohl es sich um Zwangsarbeit handelte, hatten sie das Gefühl, die Lager würden geschickt und mit Verständnis für die menschliche Psyche geführt. Alle sahen Himmler mit Respekt und Bewunderung an.“
Himmlers Rede auf dem Parteitag: 〈„Natürlich bedeutet das Konzentrationslager einen schweren Entzug der Freiheit. Es ist ein Ort harter Arbeit zur Schaffung neuer Werte. Die Insassen werden zu einem richtigen Leben gezwungen und lernen es dadurch. Sauberkeit, einwandfreie Ernährung, strenge, aber gerechte Behandlung – die Grundsätze der Lager weisen den Menschen den Weg zur Freiheit. Sie sollen Gehorsam, Fleiß, Aufrichtigkeit, Ordnung, Sauberkeit, Besonnenheit, Ehrlichkeit, Opferbereitschaft und Liebe zum Vaterland lernen.“〉
Die alte Burg Wewelsburg
Himmler genoss die Gunst des Führers und spielte innerhalb seiner Organisation den Herrscher. 1941 ließ er die alte Wewelsburg mit gewaltigem Aufwand umbauen. Sie wurde zu einer SS-Burg voller Fantasien von einem düsteren Reich. Himmler und die SS-Führung versanken immer tiefer in mystische Rituale, in denen sie sich selbst als Helden betrachteten. Ein Marmorsaal sollte dem Gedenken an gefallene SS-Männer dienen. Erbaut wurde die heilige Burg von KZ-Häftlingen. Über dem Arbeitsplatz hing ein Spruchband: „Dass wir hier arbeiten dürfen, verdanken wir dem Führer.“
(M. Holbæk, ehemaliger KZ-Häftling): „Wir wurden in einen großen Saal gebracht, einen mit Marmor ausgelegten Raum für SS-Zeremonien. Unsere Aufgabe bestand darin, den Marmorboden zu polieren. Wir krochen praktisch auf dem Boden und polierten ihn ohne Pause mit den Händen.“
Eine Namensliste der Häftlinge, die auf der Wewelsburg Zwangsarbeit leisten mussten. Dies war kein sogenanntes Vernichtungslager, dennoch starb auch hier die Mehrheit.
(M. Holbeek, ehemaliger KZ-Häftling): „Als die Burg fertig war, mussten wir Wohnungen für die SS-Männer bauen. Die SS-Führung kümmerte sich sehr um die Wohnverhältnisse ihrer Leute. Das Lager dagegen, in das man uns pferchte, war ein Ort, an dem Menschen kaum überleben konnten. Unter den elenden Bedingungen brachen die Menschen einer nach dem anderen zusammen. Eine Statistik von 1943 nennt einen Anteil von 63,7 Prozent Toten. Auch mehr als 20 meiner Bekannten starben dort.“
Die Herrschaft einer überlegenen germanischen Rasse über minderwertige Völker: Himmler setzt diese fanatische Vorstellung mit grenzenloser Gewalt um.〈„Andere Völker betrachten wir nur als unsere Sklaven; ob sie hungern oder nicht, interessiert uns nicht. Wenn beim Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Arbeiterinnen zugrunde gehen, berührt mich das nicht. Mich interessiert nur, ob der Panzergraben fertig wird.“〉
Himmlers streng geheimer Befehl
Mit Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges wurden hinter der Ostfront Himmlers geheime Befehle ausgeführt. Juden, Kommunisten und andere Feinde der Nationalsozialisten wurden von Einsatzgruppen der SS und der Sicherheitspolizei massenhaft ermordet. Himmler hatte bei der Besichtigung einer Erschießung einmal erbrochen. Seither sorgte er sich sogar um die Nerven seiner Mordkommandos. Gerüchte über den Schrecken verbreiteten sich heimlich.
(E. G. Schenck, damals Arzt der Waffen-SS) „Die Einsatzkommandos des Sicherheitsdienstes kamen auch in das Krankenhaus, in dem ich arbeitete. Ihr Ziel war natürlich, alle Juden zu töten. Zuerst wurden Plakate angeschlagen: ‚Juden sollen sich melden. Sie werden an einen anderen, sicheren Ort gebracht.‘ Viele Menschen meldeten sich ahnungslos. In meiner Umgebung gab es jüdische Mädchen, die als Hilfskräfte beschäftigt waren. Sie arbeiteten ordentlich und wurden, etwa bei der Verpflegung, vergleichsweise gut behandelt. Ich hatte Gelegenheit, ein wenig mit ihnen zu sprechen, und fand sie sympathisch. Aber auch sie verschwanden plötzlich. Später erfuhr ich, dass sie erschossen worden waren. Die Leichen hatte man in eine nahe gelegene Schlucht geworfen.“
„Endlösung“ und Menschenversuche
〈[Januar 1942: Auf der Wannseekonferenz wurde die „Endlösung“ der Judenfrage koordiniert]〉Der Massenmord wurde zum Staatsverbrechen. Schon vor der Wannseekonferenz hatte der Bau von Vernichtungslagern begonnen. Himmler beschäftigte die Frage, wie sich die Endlösung, also die Vernichtung der Juden, möglichst effizient durchführen ließ. Eine der entwickelten Tötungseinrichtungen arbeitete mit Abgasen. In den Befehlen zur Entwicklung solcher Anlagen wurde das Wort „Tötung“ nirgends verwendet. Zyklon
H. Münch, damals Arzt der Waffen-SS: „Was wir mit den Menschen im Lager taten, war kein Töten, sondern Selektion. Gewiss führte auch die Selektion Menschen in den Tod. Doch für sie, die ohnehin zum Sterben bestimmt waren, war es die bessere Möglichkeit. Ihr Ende hätte noch elender sein können. Wenn man das bedenkt, kann man sogar von einer menschlicheren Art zu sterben sprechen. Nach meiner Beobachtung waren all diese Juden in gewisser Weise mutlos geworden und hatten das Interesse am Leben verloren. Viele verhungerten, aber das lag nicht am Essen. Es war keineswegs kein Essen da. Auch von den Kalorien her bestand keine Notwendigkeit zu sterben. Dass sie reihenweise starben, lag daran, dass sie den Lebenswillen verloren hatten. Den Juden, die abgemagert und elend zugrunde gingen, gaben wir durch die Selektion lediglich einen besseren Tod.“
Für die am Massenmord Beteiligten wurde Erbarmungslosigkeit zur Pflicht, die Unterdrückung von Gefühlen zum Zeichen von Stärke. Heimlich entstandene Aufnahmen aus Auschwitz: Kinder wurden vom Lagerarzt Dr. Mengele als Versuchspersonen missbraucht. Einige überlebten wie durch ein Wunder.
(E. Reichenberg, damals Gefangener und Opfer von Menschenversuchen): „Sie kamen jede Woche und benutzten uns als Versuchsmaterial. Schließlich brachte man mich in den Forschungsbau. Dort wurde ich ständig überwacht und weiteren Versuchen unterzogen. Sie spritzten mir irgendeine Flüssigkeit direkt in den Hals. Unmittelbar danach schwoll mein Hals an, ich litt unter Schmerzen und hohem Fieber. Mir war entsetzlich übel, und ich musste mich immer wieder übergeben. Seitdem bin ich so. Ich habe überhaupt keine Stimme mehr.“ (Ergänzung des Verfassers: Der Interviewte hält ein Gerät an seinen Hals und spricht mit einer unangenehmen Ersatzstimme, die wie die Stimme eines Computers aus einem Science-Fiction-Film klingt.)
(V. Alexander, damals Häftling und Opfer medizinischer Versuche) „Mein Rücken und beide Arme sind voller Narben von den Versuchen und den vernähten Wunden. Eine abscheuliche Erinnerung. Im Lager war es schmutzig, und die Wunden entzündeten sich sofort und füllten sich mit Eiter. Vor Schmerzen und Angst konnten wir nur schreien und weinen. Wenn es eine Hölle gibt, dann war sie dort.“
(M. Offer, damals Häftling und Opfer medizinischer Versuche) „Mir wurde Gift gespritzt. Ich weiß nicht, was es war. Aber danach blieben deutliche körperliche Schäden zurück. Noch heute zittere ich unaufhörlich und bekomme epilepsieartige Anfälle. Seit damals ist mein Leben zerstört.“
Grausame Verbrechen im Gewand der Wissenschaft. Eine Versuchsfrage lautete etwa: Wie wirkt sich ein Flug in großer Höhe auf den menschlichen Körper aus? Häftlinge wurden in Anlagen eingeschlossen, in denen sich der Luftdruck rasch änderte, damit Ärzte ihr qualvolles Sterben beobachten konnten.
Himmlers Abnormität – groteske Möbel
〈„Wir ergreifen keine unnötig rohen und grausamen Maßnahmen. Wir Deutschen bewahren bis zuletzt eine anständige Haltung, selbst wenn unser Gegenüber ein Untermensch und ein Tier ist.“〉 Damals standen in Himmlers Haus Beweisstücke dafür, wie er die Häftlinge tatsächlich behandelte.
(M. Bormann Jr., Sohn von Hitlers Vertrautem Bormann) „Als ich klein war, spielte ich einmal auf dem Dachboden von Himmlers Haus. Dort habe ich es gesehen. Auf dem Dachboden standen allerlei Möbel ungeordnet herum, darunter einige aus menschlichen Knochen. Ich erinnere mich beispielsweise deutlich an einen kleinen dreibeinigen Tisch. Jedes seiner Beine war ein menschlicher Oberschenkelknochen. Dann gab es etwas, das man wohl eine Art Stuhl nennen könnte: ein hockerähnliches Möbelstück, zusammengesetzt aus menschlichen Beckenknochen. Auch eine Tischlampe war dort. Ein Erwachsener neben mir erklärte, der Schirm bestehe aus menschlicher Haut. Und dann ein großes handgeschriebenes Buch, Adolf Hitlers Mein Kampf. Auch dessen Einband, erklärte man mir, bestehe aus der Haut eines menschlichen Rückens.“
Herbst 1944. Obwohl die deutschen Truppen an der Ostfront eine Niederlage nach der anderen erlitten, riss der Strom der Menschen in die Lager nicht ab. Himmlers Reich wurde im Geheimen aufrechterhalten und wuchs weiter. Wie viele Gerüchte über die Morde auch kursierten, niemand konnte ihn aufhalten. Doch der Tag, an dem seine Verbrechen ans Licht kommen würden, rückte näher. ‹Januar 1945: Die sowjetische Armee beginnt eine Großoffensive und nähert sich Berlin von Osten.›
Ernennung zum Oberbefehlshaber in höchster Not – Auflehnung
Gegen Kriegsende ernennt der Führer Himmler zum Oberbefehlshaber des Ersatzheeres. Zum ersten Mal erhält er eine militärische Führungsstellung. Damit geht gewissermaßen sein Jugendtraum in Erfüllung. Doch Himmler verfügt kaum über militärische Erfahrung und ist der Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen. Die deutschen Truppen geraten immer tiefer in Bedrängnis. Unter Berufung auf eine Krankheit zieht sich Himmler ins Berliner Umland zurück. Seine Aufgaben als Befehlshaber überlässt er einem anderen General. Ihm ist bewusst, dass die Niederlage nahe ist. Vor der Bevölkerung versucht er diese Tatsache jedoch zu verbergen: „Wir werden dem Feind einprägen, welch ungeheure Opfer es kostet, auch nur einen Schritt nach Deutschland einzudringen.“〈Von September 1944 bis zur Niederlage kämpften Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren im Volkssturm.〉
Himmler selbst gab den aussichtslosen Krieg verloren. Um sein eigenes Überleben zu sichern, suchte er nach Möglichkeiten für Friedensverhandlungen. Durch Vermittlung des SS-Geheimdienstes traf er sich heimlich mit Graf Bernadotte, dem Vertreter des Schwedischen Roten Kreuzes. „Ich begegnete Himmler zum ersten Mal am 14. Februar 1945 in einem Landhaus bei Berlin.“
Eigenmächtige Verhandlungen mit dem Westen waren Verrat am Führer. Doch angesichts der bevorstehenden Niederlage geriet Himmlers Treue ins Wanken. Ängstlich und berechnend zugleich setzte er seine geheimen Kontakte zum Westen fort.
Flucht – das Angebot der bedingungslosen Kapitulation
〈Berlin〉20. April 1945, der 56. Geburtstag des Führers Hitler. Seine Vertrauten versammelten sich zur Feier im Bunker der Reichskanzlei. Allen war klar, dass das Ende nahe war. Von diesem Tag an musste jeder von ihnen entscheiden, wie er der Niederlage begegnen wollte. Himmler begann ein Leben auf der Flucht. Während er sich auf dem Anwesen eines Bekannten nördlich von Berlin versteckte, bemühte er sich um Frieden, als habe er sein bisheriges Leben vergessen. Erstaunlicherweise versuchte er sogar, mit einem Vertreter einer jüdischen Organisation zu verhandeln. Er wolle gemeinsam mit den Juden diesen Krieg beenden. Für die Annahme dieses unverschämten Angebots gab es keinen Spielraum. In seiner Bedrängnis wandte er sich erneut an Graf Bernadotte. Diesmal schlug er vor, Deutschland solle mit den Westmächten Frieden schließen und den Krieg gegen die Sowjetunion fortsetzen. Die Alliierten antworteten nicht auf sein Angebot. Stattdessen meldete das Radio: „Himmler hat Großbritannien und Amerika die bedingungslose Kapitulation angeboten.“
A. Axmann, damals Führer der Hitlerjugend: „Als der Führer davon erfuhr, sprach er von seiner größten Enttäuschung und enthob Himmler aller Ämter. Dann fügte Hitler hinzu: Er habe ihn verraten, aber die Hitlerjugend sei ihm bis zuletzt treu geblieben.“
Schmeichelei
Das Schloss Harkhorst in Norddeutschland wurde Himmlers letzte Unterkunft. Hier erfuhr er gleichzeitig vom Tod des Führers Hitler und vom Befehl, ihn seiner Macht zu entheben. Himmler begriff, dass er seine Machtbasis verloren hatte und völlig isoliert war. Der Krieg war noch nicht beendet. Um sich beim Westen beliebt zu machen, versprach er, etwa 15.000 skandinavische Gefangene freizulassen. Die endlich aus dem Albtraum Geretteten mussten jedoch durch Gebiete reisen, in denen noch gekämpft wurde. So kamen kurz vor Kriegsende noch viele Gefangene ums Leben. In den letzten Tagen vor der Niederlage übernahm der Oberbefehlshaber der Marine, Dönitz, gemäß Hitlers Testament das Amt des Staatsoberhaupts. Eine hastig zusammengestellte Regierung entstand.
K. Tettelbach, damals deutscher Generalstabsoffizier: „Als etwas wie eine Regierung entstanden war, kamen Leute, die sich einschmeicheln wollten. Unter ihnen war Himmler. Feldmarschall Keitel zeigte sich besonders verärgert und forderte Himmler auf, von hier zu verschwinden. Nach dieser offenen Zurückweisung schlich Himmler davon.“
Letzte Flucht – Suizid durch Gift
〈8. Mai 1945: Reichspräsident Dönitz verkündet die bedingungslose Kapitulation Deutschlands〉 Während Deutschland die bedingungslose Kapitulation annahm, war Himmler in der Nähe der Elbe unablässig zu Fuß unterwegs. Nur wenige Untergebene begleiteten ihn auf seiner Flucht. Er trug falsche Ausweispapiere bei sich, hatte den Schnurrbart abrasiert und eine Augenklappe angelegt. In der Masse unzähliger geschlagener Soldaten fielen sie eine Zeit lang niemandem auf.
Europa findet zum Frieden zurück. Für Himmler kommt das Ende. Er und seine Begleiter werden von britischen Truppen verhaftet und als Kriegsgefangene in ein Lager gebracht. Seine Identität ist noch nicht erkannt worden. Irgendwo in dieser Menschenmenge muss Heinrich Himmler sein. Die beiden Adjutanten, die ihm bis zuletzt gefolgt waren: Nachdem sie vor die Kamera geführt worden waren, erfuhren sie, dass ihr Vorgesetzter sich das Leben genommen hatte.
Am 23. Mai 1945 nahm Himmler Gift. Ein Soldat, der es miterlebte, berichtete: „Man hatte uns nicht gesagt, dass es Himmler war, nur, dass es sich um eine wichtige Person handelte. Herein kam kein elegant gekleideter Mann, sondern ein erbärmlich aussehender Soldat, der über seiner Unterwäsche eine Decke trug. Ich erkannte Himmler sofort. Ich zeigte auf eine Bank und befahl ihm: ‚Setzen Sie sich und ziehen Sie sich aus.‘ ‚Sie wissen wohl nicht, wer ich bin‘, sagte er. Ich antwortete: ‚Himmler‘, und wiederholte meinen Befehl. Einen Augenblick lang sah er mich böse an, dann senkte er den Blick und gehorchte. Der Arzt und der Regimentskommandeur kamen herein und begannen mit der üblichen Untersuchung. Sie suchten nach verstecktem Gift. Sie sahen zwischen seinen Zehen, unter seinen Achseln und sogar in seinen Ohren nach. Auch die Haare wurden untersucht, zuletzt der Mund. Auf Befehl des Arztes öffnete Himmler den Mund, streckte die Zunge heraus und bewegte sie nach oben, unten, rechts und links. Aber der Arzt war noch nicht zufrieden und befahl ihm, den Mund neben der Lampe zu öffnen. Der Arzt wollte einen Finger in seinen geöffneten Mund stecken. In diesem Augenblick biss Himmler dem Arzt in den Finger und zerbiss das Gift, das er im Mund verborgen hatte. Ich dachte: ‚Jetzt hat er uns erwischt.‘“
Der mächtige Nationalsozialist, der ein Reich der Finsternis geschaffen hatte, wurde in eine dürftige Decke gehüllt bestattet. Er war 44 Jahre alt.






