Adolf Eichmann
Ein treuer Bürokrat
Buenos Aires, 11. Mai 1960. Für einen Mann, der seit 15 Jahren auf der Flucht war, näherte sich die Stunde der Entscheidung.

Z. Aharoni, Mossad (israelischer Geheimdienst): „‚Ich habe beschlossen, mich meinem Schicksal zu fügen‘, sagte er, beinahe wie im Selbstgespräch. Er war Deutscher und verstand zudem, was gerade geschah. Das zeigte uns, dass er Eichmann war.“

Ein Jahr nach seiner Entführung durch den israelischen Geheimdienst Mossad begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Vor Gericht stand der Mann, der Millionen Juden in den Tod getrieben hatte.
〈Tonaufnahme aus dem Gerichtssaal: „Der Angeklagte führte zwischen 1939 und 1945 den Tod von mehreren Millionen Juden herbei …“〉

G. Bach, Staatsanwalt im Eichmann-Prozess: „Er war ein Mensch, der einem im Bus begegnen konnte, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Wenn ihm aber etwas missfiel, konnte er einen mit einem furchterregenden Blick ansehen, geradezu wie ein Tiger.“
Adolf EichmannEr zeigt im Gerichtssaal ein herausforderndes Lächeln.



S. Wiesenthal, Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher: „Selbst wenn ein absurder Befehl ergangen wäre, etwa Säuglinge oder alle Menschen mit dem Anfangsbuchstaben K zu töten, hätte Eichmann ihn genau so ausgeführt.“
Was trieb ihn zu diesem unglaublichen Verhalten an?

Eichmanns ehemaliger Weggefährte W. Höttl: „Eichmanns größter Wunsch war, Hitlers Dank zu erhalten. Doch dieser Wunsch erfüllte sich nie. Er blieb von diesem Traum besessen, ohne ihn jemals zu verwirklichen.“

〈Stimme Hitlers: „Die Juden haben gelacht. Jetzt aber können sie nicht mehr lachen. Denn sie haben den Ernst der Lage begriffen.“〉

〈„Ich bedauere und verurteile die damaligen Bestrebungen der deutschen Regierung, die Juden zu vernichten.“ (Eichmanns Aussage vor Gericht)〉
Das andere Gesicht
Gespräche mit seinen SS-Kameraden zeigen ein anderes Gesicht Eichmanns.

〈Stimme Eichmanns, 1956 in Argentinien: „Wenn es uns gelungen wäre, alle 10,3 Millionen Juden zu töten, hätte ich bestimmt zufrieden gesagt: ‚Damit haben wir den Feind ausgerottet.‘“〉
Am 15. März 1938 kam Hitler als neuer Herrscher in Eichmanns Heimat Österreich.

〈Hitlers Rede: „Von nun an wird Österreich ein neues Bollwerk des deutschen Volkes und des Deutschen Reiches sein.“〉

Für die 200.000 Juden Österreichs begann ein nie dagewesener Albtraum. In diesem Augenblick beherrschte ein einziges Gefühl ihre Herzen.
Der Wiener Jude W. Stern: „Angst. Es war die Angst davor, was nun geschehen würde.“



Eine finstere Zeit brach an. Überall zeigten sich unheilvolle Vorzeichen der Vernichtung. Unter Himmlers Begleitern befand sich auch Eichmann.
Himmler(Die Person rechts)
EichmannHerkunft und Jugend – Treue zu einer teuflischen Macht

Eichmann wurde im deutschen Solingen geboren und wuchs im österreichischen Linz auf.


Er besuchte dieselbe Schule, auf die früher Hitler gegangen war. Wie bei Hitler waren seine Leistungen jedoch wenig glänzend, und schließlich brach er die Schule ab.
EICHMANN LEUCHTENEichmanns Elektrizitätsunternehmen
‚Leuchten‘ bedeutet ‚strahlen‘, ‚Glanz‘ oder ‚Licht auf etwas werfen‘.

Die Firma seines Vaters besteht noch heute. Zunächst arbeitete er bei einem Erdölunternehmen, wurde jedoch infolge der Wirtschaftskrise entlassen.


Auf der Suche nach einem Sinn in seinem schwierigen Leben begegnete er schließlich dem Nationalsozialismus. Um seiner Existenz Bedeutung zu geben, trat er in die SS ein. Dieser teuflischen Macht sollte er sich mit Leib und Seele verschreiben.



Stimme Eichmanns, 1956 in Argentinien: „Wir befolgten lediglich Befehle und führten sie getreu aus. Als ordnungsliebende SS gehorchten wir gern.“
Absoluter Gehorsam war Eichmanns Grundsatz.


〈Eichmann: „Unter Treue verstehe ich, den Anweisungen des Führers zu 100 Prozent zu folgen. Ehre und Treue sind für mich dasselbe.“〉

Seine Vorgesetzten beurteilten Eichmann sehr positiv: „Haltung zum Nationalsozialismus: bedingungslos. Fachkenntnisse: ausgezeichnet. Besondere Fähigkeiten: Verhandeln, Reden, Organisation.“
Vertreibung der Juden und Selbstüberschätzung


1938, Wien. Als Fachmann erhielt Eichmann den Auftrag, sämtliche Juden auszuweisen. Im jüdischen Wohnviertel übernahm er auch selbst unmittelbar die Leitung.



Juden wurden systematisch aufgespürt, festgenommen und gedemütigt. Eine Demonstration überwältigender Macht. Tausende Juden beschlossen angesichts dessen zu fliehen.

〈Ein aus Österreich geflohener Jude: „Ich musste Wien innerhalb von 24 Stunden verlassen und bin über die Schweizer Berge geflohen.“〉


Vor der amerikanischen Botschaft in Wien bildeten sich Schlangen von Juden.



Da Eichmann das Tempo nicht genügte, richtete er eine Zentralstelle für jüdische Auswanderung ein, um die Vertreibung der Juden ins Ausland zu beschleunigen. Dort ließen sich die Formalitäten erstaunlich schnell erledigen, doch dafür wurden ungeheure Geldsummen verlangt. Eichmann machte aus der Vertreibung ein Geschäft.


Eichmanns ehemaliger Kamerad W. Höttl [Wilhelm Hottl]: „Entscheidend ist, dass Eichmann ein einziges Bündel von Minderwertigkeitsgefühlen war. In unserem Arbeitsbereich hatten alle, die höhere Positionen bekleideten, eine Hochschulausbildung.Eichmann war beinahe die einzige Ausnahme. Gerade deshalb hatte er gegenüber den Menschen um ihn herum starke Minderwertigkeitsgefühle. Er stürzte sich in die Arbeit, um zu beweisen, dass er auch ohne Studium so viel leisten konnte. Das blieb so, solange das Dritte Reich bestand.“
Von Minderwertigkeitsgefühlen angetrieben, machte Eichmann eine steile Karriere. Wie er durch sein Wiener Büro schritt, verkörperte er geradezu den von Macht besessenen Menschen.

W. Stern [Willi Stern], Wiener Jude: „Er war eher klein, trug eine eng anliegende Uniform und lief mit schnellen Schritten umher, während er mit einer Reitpeitsche gegen seine Stiefel schlug. Sein Auftreten wirkte, als wolle er sagen: Ich kann diese von Juden verunreinigte Luft nicht lange einatmen. So erschien es mir.“
Innerhalb von acht Monaten kamen 45.000 Juden zur Auswanderungsstelle. Die Vertreibung wurde effizient vorangetrieben.
„Gott, hilf uns!“
Auf dem jüdischen Friedhof in Wien sind vielerorts Worte eingemeißelt, die von der damaligen Verzweiflung zeugen.
〈„Gott, hilf uns!“〉


Eichmann stellte seine Macht gern zur Schau. Eine Luxuslimousine und ein eigener Chauffeur: alles schmückendes Beiwerk, das seine Leistungen demonstrieren sollte. Mit der Treue zu seiner Frau nahm er es offenbar weniger genau. Kollegen berichteten, er habe mehrere Geliebte gehabt.


Der Wiener Jude W. Stern [Willi Stern]: „Er wirkte wie ein eingebildeter, oberflächlicher junger Mann. Mit allerlei äußerem Putz versuchte er, Aufmerksamkeit zu erregen. Er war wirklich außerordentlich eitel.“
Der Schauplatz einer Massenerschießung

Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (Foto links), schätzte Eichmanns Arbeit sehr. Auf einer Besprechung bezeichnete er Eichmanns Vorgehen in Wien sogar als Vorbild für ganz Deutschland.


Der loyale und organisatorisch fähige Eichmann wurde nach Berlin berufen und Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt. Dieses Referat sollte sich bald zur Zentrale der Vernichtung entwickeln.
Nach Kriegsbeginn wurden überall in Polen Ghettos eingerichtet, um die Juden abzusondern. Doch da kein Land sie aufnehmen wollte, kam der Vertreibungsplan kaum voran. Eichmann entwickelte mehrere Alternativen: Könnte man im Süden Polens einen jüdischen Staat schaffen? Könnte man die Juden nach Madagaskar schicken? Ein SS-Kollege gab ihm den Rat, über eine schnellere und effizientere Erledigung nachzudenken. In den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion wurde diese Methode umgesetzt: Massenerschießungen hinter der Front. Eichmann war von diesem Anblick entsetzt.



〈Eichmanns Stimme (1956, Argentinien): „Ich habe einmal eine Erschießung von Juden gesehen. Ich kam gerade im letzten Augenblick dazu. Der Anblick einer Frau, die ihr Kind hochhielt, entsetzte mich. Ich sagte dem Chef: ‚So lösen wir die Judenfrage nicht. So erziehen wir die Soldaten nur zu Sadisten.‘“〉




Der tatsächliche SchussSchauplatz der Tötung

Auf eine Anfrage des Auswärtigen Amts zur Abschiebung serbischer Juden antwortete Eichmann jedoch folgendermaßen:
〈„Eichmann schlägt Erschießung vor“〉
(Adolf Eichmann vor Gericht)


Der Vorsitzende Richter: „Sie sollen gesagt haben: Wenn der Führer erklärte, Ihr Vater sei ein Verräter, würden Sie Ihren Vater eigenhändig erschießen.“
Eichmann: „Dass mein Vater Verrat begehen könnte …“


Der Vorsitzende Richter: „Es war hypothetisch gemeint. Sie haben das also gesagt?“
Eichmann: „Wenn der Verrat nachgewiesen wird, werde ich meine Pflicht erfüllen.“

„Dieser Mann hat weder Gewissen noch Moral.“ (S. Wiesenthal, Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher)
Zahlreiche Opfer wurden in Sonderzügen transportiert. Als Judenreferent kannte Eichmann selbstverständlich die Wirklichkeit des Massenmordes.



Eichmanns Stimme (Verhörmitschnitt der israelischen Polizei): „Es war gegen Ende des Sommers. Heydrich ließ mich kommen und sagte: ‚Der Führer hat die Vernichtung der Juden befohlen.‘ Ich nahm das schweigend zur Kenntnis. Ich konnte mich nicht einmischen.“
Vorschlag zum Einsatz von Giftgas

Eichmann erledigte die Deportationen still, aber mit Eifer. Bald suchte er nach einer neuen Tötungsmethode, die das ineffiziente Erschießen ersetzen sollte. Im Sommer 1941 besuchte er das Konzentrationslager Auschwitz und sprach mit dessen Kommandanten Rudolf Höß. Wie ließen sich die massenhaft deportierten Juden möglichst effizient beseitigen?






Hier begann Eichmann, den Einsatz von Giftgas zu erwägen. Wenige Wochen später, im September 1941, wurde in Auschwitz erstmals Gas eingesetzt. Ein Mann, der sich eifrig der Endlösung der Judenfrage widmete und voller Tatendrang Neues entwickeln wollte: So beschrieb Lagerkommandant Höß Eichmann.

Während der Massenmord an den Juden weiterging, versammelten sich führende Angehörige des Reichssicherheitshauptamts in einer Villa am Wannsee. Hauptthema war die „Endlösung der Judenfrage“. Behördenchef Heydrich führte den Vorsitz.


〈„Auf der Wannsee-Konferenz versammelten sich führende Persönlichkeiten des Dritten Reiches und erhielten Befehle von oben. Ich habe sie lediglich befolgt.“ (Eichmann vor Gericht)〉


Eichmann, der dabei das Protokoll führte, berechnete gewissenhaft, wie viele Juden man ermorden könnte. Das Ergebnis: elf Millionen. Auf Papier fließt kein Blut. Töten, beseitigen, ausrotten – solche Worte, die in der Villa am Wannsee fielen, wurden aus den offiziellen Dokumenten entfernt.


Eichmann übersetzte dies so: ‚Die Opfer werden entsprechend behandelt.‘

Nach der Besprechung saß Eichmann entspannt am Kamin, zusammen mit Heydrich und Gestapochef Müller.


Juden wurden einer nach dem anderen zusammengetrieben. Szenen wie hier in Dresden waren überall in den deutsch besetzten Gebieten zu sehen. Eichmanns Mitarbeiter überwachten vor Ort, dass alles reibungslos ablief. Buchhalter unterstützten Eichmanns Unternehmen.


Juden werden wie Vieh transportiert. Die Fahrpläne der Todeszüge erstellt Eichmann in Berlin.
[Eichmann]Auch die Deutsche Reichsbahn arbeitete bereitwillig mit. Der Fahrpreis pro Jude betrug vier Pfennig je Kilometer. Natürlich war es eine einfache Fahrt. Eine Rückfahrt gab es nicht.
Konzentrationslager Theresienstadt
〈Eichmanns Unterschrift〉Unzählige Leben, die mit einer einzigen Unterschrift ausgelöscht werden. Das Konzentrationslager Theresienstadt liegt 60 Kilometer von Prag entfernt. Dort wurde ein Propagandafilm gedreht, der das Bild eines menschenfreundlichen Lagers vermitteln sollte. Die tatsächliche Regie führte selbstverständlich Eichmann.





Er versuchte, die Menschen in aller Welt zu täuschen. Eichmann hatte die ihm unterstehenden Konzentrationslager Dutzende Male besichtigt. Für die Opfer war sein Besuch stets ein unheilvolles Vorzeichen.

R. Gelbard [Rudolf Gelbard], ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Theresienstadt: „Wenn Eichmann ins Lager kam, hatten alle Angst. Meist wurden dann Menschen in ein noch schlimmeres Lager deportiert. Eichmann hatte ungeheure Macht und konnte nach Belieben über Leben und Tod entscheiden.“



Für diese Kinder war Theresienstadt lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg in die Hölle. Die Endstation war das Vernichtungslager Auschwitz. Im Sommer 1942 besichtigte Eichmann die Vernichtungslager, um festzustellen, wie viele Juden sie aufnehmen konnten.

Eichmann im O-Ton (1956, Argentinien): „Als ich sah, wie Menschen verbrannt wurden, konnte ich nicht aufhören zu zittern – ich musste unbedingt an etwas anderes denken. Als ich an jenem Tag dieses Bild sah, betete ich, um mich abzulenken. Das tue ich immer, wenn ich etwas Unangenehmem entkommen möchte. Ihr werdet lachen. Aber ich glaube an Gott den Vater, den Heiligen Geist und Jesus Christus.“






Eichmanns ehemaliger Weggefährte W. Höttl: „Er war psychisch kein besonders starker Mensch. Daher scheint ihn der grausame Anblick brennender Leichen erheblich erschüttert zu haben. Doch er bemühte sich, diese seelische Schwäche vor anderen zu verbergen. Er trug deshalb immer eine Feldflasche mit starkem Alkohol bei sich und nahm bei jeder Gelegenheit einen kräftigen Schluck. Wenn ich ihn so sah, dachte ich: Seine Nerven sind wohl wieder am Ende.“
Eifer für Deportation und Massenmord


Eichmann vor Gericht: „Ich habe meine Arbeit lediglich mit eisernem Willen ausgeführt. Doch das ungeheure Elend schmerzte mich so sehr, dass ich meine Vorgesetzten wiederholt um Versetzung anflehte.“
Eichmann wirkte am Massenmord mit, ohne sich vor Ort selbst die Hände schmutzig zu machen. Leidenschaftlich sorgte er dafür, dass die Todeszüge planmäßig fuhren. Schon die kleinste Verzögerung bei einer Deportation galt ihm als Schande.


G. Bach, Ankläger im Eichmann-Prozess: „Er sagte, er habe niemals Hass empfunden.“
„Das ist kein Antisemitismus, sondern Patriotismus.“ (Eichmann vor Gericht)

G. Bach, Ankläger im Eichmann-Prozess: „Aber diesen Worten kann ich nicht glauben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch ohne jeden Hass auf seine Opfer so etwas tun könnte. Das ist völlig unmöglich. So entsetzlich waren seine Taten.“


(Eichmann vor Gericht): „Ich hatte den Befehl, Fahrpläne zu erstellen.“


G. Bach, Ankläger im Eichmann-Prozess: „Einmal wurden in Rumänien mehrere tausend Juden von Milizionären ermordet und in einen Fluss geworfen. Als Eichmann davon hörte, soll er außer sich vor Wut gewesen sein. Nicht aus humanitären Gründen.Sondern weil sich bei einem solchen Vorgehen keine ordentliche Statistik führen ließ. Wenn man die rumänischen Juden töten wollte, ihre Zahl aber nicht genau erfasste, würden einige entkommen. Deshalb war Eichmann so wütend.“



Eichmann schickte auch kleine Kinder erbarmungslos in die Lager. Für ihn waren sämtliche Juden nur Zahlen in einer Statistik.




Eichmann im O-Ton (1956, Argentinien): „Das weitere Schicksal der Juden interessierte mich nicht. Es lag nicht in meinem Aufgabenbereich. Ob sie lebten oder starben, ging mich nichts an. Nachdem die Abwicklung erledigt war, war alles Weitere gleichgültig.“
Im März 1944 begann auch in Ungarn der Massenmord an den Juden.




An seinem 38. Geburtstag begann Eichmann mit der Aufgabe, 700.000 in Ungarn lebende Juden zu deportieren.



Die Deportationen begannen zunächst in der Provinz.



Das größte Unglück für die Juden war, dass die ungarischen Behörden bereitwillig mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiteten.




Eichmann richtete sein Hauptquartier in einem Budapester Hotel ein und leitete von dort die Deportationen. In nur zwei Monaten wurden 450.000 Juden zwangsweise verschleppt.
[Deutsche Reichsbahn]Das Schild der Deutschen Reichsbahn am Güterwagen
Viele Menschen wurden in enge Waggons gepfercht. Manche starben schon vor der Ankunft im Lager. Bald zeigte sich, dass die schönen Versprechen Lügen waren.

J. Rosenblum [Jehoshua Rosenblum], ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Birkenau



„Anders als die polnischen Juden wussten die ungarischen Juden nicht, dass Birkenau zu Auschwitz gehörte. Man hatte ihnen gesagt, sie kämen in ein Familienlager. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus.“
Im Sommer 1944 war der Krieg praktisch entschieden. Dennoch ließ Eichmann unbeirrt die Züge weiterfahren. Die Erfüllung seiner Aufgabe war ihm wichtiger als Sieg oder Niederlage und das Schicksal seines Vaterlandes.






G. Bach, Ankläger im Eichmann-Prozess: „Obwohl die deutschen Truppen an der Ostfront dringend Verstärkung und Nachschub benötigten, gab Eichmann den Deportationen der Juden oberste Priorität. Seinen Freunden soll er gesagt haben: Ich weiß, dass unser Land den Krieg verliert. Aber mein Krieg ist noch immer siegreich. Dann fuhr er nach Auschwitz und ließ das Tempo der Tötungen weiter erhöhen.“
Doch die Durchführung der Aufgabe wurde zunehmend schwieriger. Ungarns Staatsführer Miklós Horthy stellte die Zusammenarbeit bei den Deportationen ein. Eichmann wollte sich damit jedoch nicht einfach abfinden.


Der ungarische Jude P. Lendvai [Paul Lendvai]: „Ich hatte eine Cousine zweiten Grades, die ein Jahr jünger war als ich. Sie wurde mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. Miklós Horthy, der das Amt des Ministerpräsidenten innehatte, hatte seine Mitwirkung an den Deportationen eingestellt und bei Deutschland protestiert. Trotzdem sammelte Eichmann mit hinterlistigen Methoden die Juden aus der Umgebung von Budapest ein. Offenbar wollte er die Deportationen um jeden Preis fortsetzen.“
Auch SS-Chef Himmler versuchte, mit Blick auf einen Frieden mit den Alliierten die Deportationen zu stoppen.

S. Wiesenthal [Simon Wiesenthal], Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher: „Als Eichmann davon hörte, soll er sehr aufgeregt gewesen sein und geschrien haben: Warum wird plötzlich aufgehört?“
Die Juden von Budapest



Im Oktober 1944 wurde Miklós Horthy durch einen Staatsstreich in Ungarn gestürzt. Eine radikal faschistische Regierung entstand. Für Eichmann war das ein Geschenk des Himmels.

Auch durch die Hauptstadt Budapest fegte eine Welle der Jagd auf Juden.

Der ungarische Jude I. Domonkos [Istvan Domonkos]: „Nach dem Staatsstreich begann eine heftige Verfolgung. Wenn ungarische Faschisten einen Juden entdeckten, bedrängten sie ihn unter irgendeinem Vorwand und versuchten, ihm alles abzunehmen. Im schlimmsten Fall wurde man festgenommen, an das Ufer der Donau gebracht und erschossen.“

Zehntausende Juden in Budapest suchten verzweifelt nach Zuflucht. Viele Leben retteten damals Verstecke, die wie kleine Inseln in einem Meer des Hasses lagen. Überall in Budapest entstanden mehr als hundert mit einem gelben Stern gekennzeichnete Orte. Auch dieser Freiheitsplatz gehörte dazu.
RaoulWallenberg
Karl …Lutz
Die Initiative ging von mutigen Diplomaten wie Raoul Wallenberg und dem Schweizer Carl Lutz aus. Sie nutzten ihre Privilegien, um möglichst viele Juden vor dem mörderischen Sturm zu retten.


Wer auf dieser Liste stand, erhielt einen Schutzpass und eine geschützte Unterkunft. Dadurch wurden mehr als 100.000 Juden gerettet.
Die Vorahnung persönlicher Gefahr
Mit der Zunahme der Widerstandsaktivitäten begann Eichmann um seine eigene Sicherheit zu fürchten.

S. Wiesenthal, Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher: „Wenn jemand ihn fotografieren wollte, geriet er in rasende Wut und versuchte, den Film aus der Kamera zu reißen. Später musste er dann wohl für die zerstörten Kameras Ersatz leisten. Er muss geahnt haben, dass er eines Tages gesucht werden würde.“
Eichmanns Ängste waren keineswegs bloße Einbildung.


M. Diamant [Manus Diamant], ehemals Haganah, jüdische Widerstandsorganisation: „Wir planten, Eichmann zu ermorden, selbst wenn wir dabei unser eigenes Leben opfern mussten. Mit Eichmann gemeinsam zu sterben, wäre ein ehrenvoller Tod gewesen.“
Doch der Plan wurde im letzten Augenblick abgesagt, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die Juden in Budapest.


Alliierte Bombenangriffe brachten die Todeszüge schließlich zum Stillstand. Doch Eichmann hielt an seinem Plan fest. Er ließ 50.000 Juden aus Budapest zu Fuß nach Österreich deportieren.



Der ungarische Jude P. Lendvai: „Wir gingen immer weiter. Trotzdem schafften wir es kaum bis in die Umgebung von Budapest. Dort geschah es: Menschen, die vor Erschöpfung nicht mehr aus eigener Kraft gehen konnten, wurden mitten in der Kolonne erschossen. Sie wurden direkt vor meinen Augen getötet. Es war buchstäblich ein Wettlauf mit dem Tod.“


‹♪› Das nationalsozialistische Deutschland spielt die Musik des Todes. Dirigent ist selbstverständlich Eichmann.

S. Wiesenthal, Verfolger nationalsozialistischer Kriegsverbrecher: „Ein junger Offizier fragte: ‚Herr Vorgesetzter, wie viele Juden werden Sie erledigen?‘ Eichmann antwortete: ‚Über fünf.‘ Mit fünf waren fünf Millionen gemeint. Der Offizier fragte weiter: ‚Wird nach dem Krieg nicht die ganze Welt nach dem Verbleib dieser fünf Millionen fragen?‘ Darauf erklärte Eichmann klar und kalt: ‚Der Tod von hundert Menschen ist eine schmerzliche Tragödie, aber der Tod von einer Million ist nur eine statistische Zahl.‘“


(Eichmann vor Gericht): „Die Deportationsbefehle mussten ausgeführt werden. Ich gestehe, dass ich wusste, dass am Ende der Tod auf sie wartete.“
Eichmann kannte das Schicksal der Juden, die er deportiert hatte.

Eichmanns ehemaliger Weggefährte W. Höttl [Wilhelm Hottl]: „Er sagte mir, vier Millionen seien in den Vernichtungslagern gestorben und zwei Millionen durch die Mordkommandos oder durch Seuchen in den Lagern, insgesamt also sechs Millionen.“
Flucht


Dezember 1944. Als die sowjetischen Truppen heranrückten, floh Eichmann aus Budapest. Kurz vor Kriegsende hatten sich die Spitzen der SS in die österreichischen Berge zurückgezogen.


Von seiner Heimat Österreich aus wollte Eichmann einen letzten Widerstand gegen die Alliierten organisieren. Doch sein Vorgesetzter hatte die Fortsetzung des Krieges bereits aufgegeben.

Eichmanns ehemaliger Weggefährte W. Höttl [Wilhelm Hottl]: „Eichmann beklagte sich bei mir: Der Reichsführer habe ihn nicht empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten englische Goldmünzen geschickt. Zum Teufel mit den Goldmünzen! Das brauche er nicht, Geld habe er selbst. Was er brauche, seien Befehle, was er jetzt tun solle.“


Doch ohne Befehle konnte er nicht handeln. Auf den Rat eines Weggefährten hin begann Eichmann schließlich seine Flucht. Unterwegs geriet er in amerikanische Gefangenschaft und wurde einer von vielen Kriegsgefangenen.



Eichmann fürchtete ständig, enttarnt zu werden, und dachte sogar an Selbstmord. Doch erneut gelang ihm die Flucht, und er begann ein neues Leben. Unter wechselnden Namen wie Barth, Eckmann und Heminger wechselte er immer wieder den Beruf.



Im Nürnberger Prozess wurden Eichmanns Verbrechen in seiner Abwesenheit aufgedeckt. Dann begann die intensive Fahndung. Doch Eichmann sollte noch weitere 15 Jahre auf der Flucht bleiben.
Buenos Aires

Buenos Aires(Argentinien)

Buenos Aires, 1950. Unter dem Namen Ricardo Klement begann Eichmann ein neues Leben. Er verließ die Stadt und zog aufs Land, wo er sich leichter verstecken konnte.


Doch bei seiner neuen Tätigkeit in der Wasserforschung zeigte er eine überraschende Unfähigkeit.

H. Lühr [Heinz Luhr], Eichmanns Vorgesetzter in Argentinien: „Seine Arbeit war ungenau. Das zeigte sich deutlich daran, wie er Daten sammelte. Er war schlicht nicht in der Lage, Arbeitsabläufe ordentlich zu organisieren.“

Eichmann versuchte, seine Vergangenheit vollständig zu verschließen.

H. Luhr [Heinz Luhr], Eichmanns Vorgesetzter in Argentinien: „Wenn man ihn etwas über seine Vergangenheit fragte, bekam man niemals eine Antwort. Er verzog keine Miene, als hätte er überhaupt nichts gehört.“

Nachdem Eichmann entlassen worden war, wechselte er erneut von einer Tätigkeit zur nächsten: Kaninchenzucht, Reinigung, Fabrikarbeit. Später kehrte er in die Stadt zurück und lebte als Ricardo Klement mehrere Jahre ungestört. Doch ein Hinweis eines jüdischen Mannes brachte den israelischen Geheimdienst Mossad in Bewegung.


Z. Aharoni [Zvi Aharoni], Mossad, israelischer Geheimdienst: „Ich ging zu dem Haus in der Chacabuco-Straße, rechts im Bild, um festzustellen, was für ein Haus es war und wer dort wohnte. Doch es stand völlig leer; ein Maler strich gerade die Innenwände. Falls dieser Deutsche Eichmann war, musste er etwas bemerkt haben und geflohen sein.“

Eichmann war erst zwei Wochen zuvor aus diesem Haus ausgezogen. Zvi Aharoni begann, ihn hartnäckig zu verfolgen. Schließlich erfuhr er, dass Ricardo Klement in der Garibaldi-Straße im Stadtteil San Fernando wohnte. Aharoni setzte die Überwachung fort und gewann anhand zahlreicher übereinstimmender Merkmale die Gewissheit, dass dieser Deutsche tatsächlich Eichmann war.




Er nahm Kontakt mit der Zentrale auf und empfahl, zur nächsten Phase überzugehen. Ausschlaggebend für deren Entscheidung waren vier heimlich aufgenommene Fotos.

I. Harel [Isser Harel], damaliger Mossad-Chef: „Wir hatten von Anfang an nicht vor, Eichmann zu töten. Wir wollten ihn festnehmen und vor ein israelisches Gericht stellen.“
Die Eichmann-Operation des Mossad

Im April 1960 begann die Operation Eichmann. Elf Mossad-Agenten trafen in Buenos Aires ein und bereiteten Eichmanns Ergreifung vor. Die Arbeit in einer fremden Umgebung war auch für sie nicht einfach. Doch Eichmann seinerseits bemerkte nicht, dass sie ihm näher kamen.


11. Mai 1960, Garibaldi-Straße. Die Mossad-Mitarbeiter hatten Eichmanns täglichen Heimweg genau erkundet. Sie parkten zwischen der Bushaltestelle und seinem Haus und warteten geduldig auf seine Rückkehr. An diesem Tag kam Eichmann später als gewöhnlich nach Hause.


R. Eitan, Mossad (israelischer Geheimdienst): „Aharoni entdeckte ihn als Erster. Dann bemerkten wir aber, dass Eichmann die Hand in der Tasche hatte. Vielleicht hielt er dort eine Pistole verborgen. Deshalb waren wir auf der Hut.“

Z. Aharoni [Zvi Aharoni], Mossad (israelischer Geheimdienst): „Als Eichmann näher kam, stellte sich einer unserer Männer vor ihn. Wir wollten zunächst mit ihm sprechen, bevor wir ihn festnahmen. Eichmann lief davon, und wir verfolgten ihn. Nach 3 bis 4 Metern fiel er in einen Graben und schrie auf.“

R. Eitan, Mossad (israelischer Geheimdienst): „Da schrie Eichmann: ‚Uhh!‘ (Anmerkung: etwas gedämpfte Stimme). So klang es.“


Z. Aharoni [Zvi Aharoni] vom Mossad (israelischer Geheimdienst): „Eitan saß immer noch auf dem Rücksitz, deshalb schrie ich:‚Los, hilf ihm! Du brauchst dich doch nicht mehr zu verstecken!‘ Danach zogen wir Eichmann aus dem Graben und stießen ihn ins Auto.“

In einem Café in Buenos Aires wartete Mossad-Chef Isser Harel auf den Bericht.

I. Harel [Isser Harel], damaliger Mossad-Chef: „Es war schon etwa Mitternacht, als plötzlich zwei meiner Mitarbeiter im Café auftauchten. Sie waren sichtlich erschöpft, ihre Kleidung war schmutzig. Doch als ich ihre strahlenden Gesichter sah, wusste ich sofort, dass die Operation gelungen war.“
Im Versteck wurde er verhört. Im Mittelpunkt stand natürlich die wahre Identität des Mannes, der sich Ricardo Klement nannte.

Z. Aharoni [Zvi Aharoni], Mossad (israelischer Geheimdienst): „Zuerst fragte ich nach seinem Namen. Die Antwort: Ricardo Klement. Ich fragte weiter: Und Ihr Name davor? Die Antwort: Otto Henning. Das war tatsächlich ein Name, den er benutzt hatte, aber das wussten wir nicht. Ich dachte, so würden wir ihm womöglich kein Geständnis entlocken können, dass er Eichmann sei. Also stellten wir viele Fragen zu Eichmanns persönlichen Merkmalen: Schuhgröße, Kragenweite, Kleidergröße, Geburtstag, SS- und NSDAP-Mitgliedsnummer. Schließlich fragte ich: Wie hießen Sie bei Ihrer Geburt? Da antwortete er: Adolf Eichmann. Er sagte es ohne jedes Zögern. Das war der Augenblick, den man als den absoluten Höhepunkt dieser Operation bezeichnen kann.“
Prozess – Todesurteil



Entführung, Haft und Prozess.

Adolf Eichmann vor Gericht: „Ich möchte hier meine Auffassung unmissverständlich darlegen. Die Massaker an den Juden und der Plan ihrer Vernichtung sind ein Verbrechen von einer Schwere, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.“

G. Bach [Gabriel Bach], Staatsanwalt im Eichmann-Prozess: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass diese Äußerung Eichmanns wirkliche Überzeugung wiedergab. Das waren bloß Worte zu seiner Verteidigung. Es war keineswegs seine wahre Meinung. Das kann ich mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit sagen.“

Eichmann vor Gericht: „Es war mein Unglück. Die Ausführung solcher Grausamkeiten entsprach nicht meinem Willen.“
Doch wenn es befohlen wird.
(Eichmanns Stimme [1956, Argentinien]) „Wenn einem die Leitung eines Lagers übertragen wird, kann man wohl kaum ablehnen. Und wenn man dort den Befehl erhält, Juden zu töten, muss man ihn wohl ausführen.“





Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das jüdische Volk wurde Eichmann zum Tode verurteilt. Am 1. Juni 1962 wurde das Urteil vollstreckt. Anschließend wurde seine Leiche verbrannt und die Asche im Mittelmeer verstreut.
〈Ende〉






